BUCHMESSE | EHRENGASTLAND TSCHECHIEN | zwd-INTERVIEW : "Die Frauenliteratur ist Teil der demokratischen Entwicklung"

8. Oktober 2026 // ug

In Tschechien haben Frauen Sprache und Literatur entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig wird Feminismus heute noch mit Skepsis angesehen. Wie positionieren sich moderne Schriftstellerinnen in Literatur und Gesellschaft? Welche Bedeutung hat die weibliche Perspektive, und wie reagiert die Leserschaft? Der zwd hat mit den Romanautorinnen Dr. Radka Denemarková und Dr. Kateřina Tučková über Erfahrungen, feministische Vorbilder, Trends und Frausein gesprochen.

Die tschechische Literatur bietet viele spannende Bücher von Autorinnen zum Entdecken. - Bild: FBM
Die tschechische Literatur bietet viele spannende Bücher von Autorinnen zum Entdecken. - Bild: FBM

zwd-POLITIKMAGAZIN: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht moderne, tschechische Frauenliteratur auf dem inländischen Büchermarkt? Auf wie viel Interesser treffen Werke von Schriftstellerinnen beim tschechischen Lesepublikum?

Dr. Radka Denemarková: Essentielle Rolle. Frauen wollen auf Augenhöhe partizipieren, was Männern an der Macht Angst macht. Nach 1989 haben wir in Osteuropa die zivilisatorischen Muster der Demokratie und der Marktwirtschaft übernommen, aber vergessen, die patriarchalische Gesellschaftsstruktur Osteuropas zu brechen. Sie sitzt in den Knochen von Männern und Frauen fest. Die patriarchalische Dimension der Welt hat sich nicht zu sehr bewegt. Manchen Frauen ist das Bedürfnis nach Unabhängigkeit verdächtig. Die Samtene Revolution, symbolisiert durch Václav Havel, markierte den Übergang vom Totalitarismus zur Demokratie. Frauenrechte spielten dabei jedoch keine Rolle.

Denemarková: "Frauenliteratur zeigt Werte auf, die Menschen verbinden sollen"

Deshalb ist die Stimme der Frauenliteratur so wichtig; sie ist Teil der demokratischen Entwicklung. Frauen haben heute keine Angst mehr, und dankbare Leserinnen und Leser verstehen das. Literatur bedeutet auch Freiheit, die gegen nationale Blindheit ankämpft. Die gesamte Menschheit ist ein Ozean von Geschichten, und sie alle berühren uns, denn es gibt eine Moral, die aus der Tatsache erwächst, dass wir Bewohner eines Planeten sind. (...) Teilt man die Menschheit nach nationalen Kategorien ein, kann man Menschen manipulieren und gegeneinander aufhetzen. Wir stolpern immer noch über die Begriffe Nation und Heimatland; das sind Worte aus dem männlichen Vokabular, mit denen uns das 19. Jahrhundert bewaffnet und verblendet hat, Worte, die die Wörterbücher überfluteten und die Welt spalteten. Kriege werden leichter im Namen der Nation begonnen. In jedem europäischen Land versuche ich, alle „Blasen“ zu erkennen. Heute ist die Verbindung von gesteigertem männlichen Nationalismus und wirtschaftlichem Pragmatismus gefährlich. Nicht politische, sondern wirtschaftliche Interessen, Wirtschaft und Markt bestimmen die Richtung grundlegender Entscheidungen (was sich im Falle der Zusammenarbeit nicht nur mit Russland als fatal erwiesen hat). Frauenliteratur zeigt andere Werte auf, die die Menschen verbinden sollen: Empathie, Solidarität, Mut für den Alltag. (…)

Die Schriftstellerinnen scheuen sich nicht, zum Kern vorzudringen, sie werden nicht zurückweichen. Denn dadurch vertiefen wir nur unser Mitgefühl für die Opfer. Ich werde immer an der Seite der Opfer stehen. Denn es zeigt sich, dass die Mehrheit insgeheim mit den Schuldigen sympathisiert. Als ob paradoxerweise der Instinkt des Urmenschen in jedem fortlebt, der sich nur mit den Starken identifizieren will; und nur die Starken überleben. Deshalb sind Biografien nicht nur von Hitler, Göring usw., sondern auch von Massenmördern aller Zeiten so beliebt. Als ob das Opfer keine Beachtung verdient hätte, weil es schwach war und der Situation nicht gewachsen war. Dieses Denken ist krankhaft. Frauen zeigen andere Perspektiven auf und bringen den Begriff Humanismus zurück in den Wortschatz.

Tučková: "In den letzten zwei Jahrzehnten hat es einen großen Wandel gegeben"

Dr. Kateřina Tuková: Ich würde sagen, dass sich die aktuelle Situation auf dem tschechischen Büchermarkt als Ära weiblicher Schriftsteller:innen beschreiben lässt. Das Interesse der Leser:innen an seriöser Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, wird durch Buchverkaufscharts und renommierte Literaturpreise bestätigt. In dieser Hinsicht hat es in den letzten zwei Jahrzehnten einen großen Wandel gegeben. Ich habe die Literaturszene kurz nach der Jahrtausendwende betreten, und die Situation war zu dieser Zeit für Autorinnen eher ungünstig. Es herrschte ihnen gegenüber ein allgemeines Misstrauen. Redaktionsbüros von Zeitschriften und Verlagshäuser waren von Männern dominiert, und nur sehr wenigen Frauen gelang es, ihre strenge Prüfung zu bestehen. Ich erinnere mich an eine übliche Form der Kritik, die Frauen immer wieder hörten: ´Es hat keine Eier´. Trotzdem schafften es mehrere Schriftstellerinnen, die hochwertige Belletristik verfassten, sich einen Namen zu machen, und ebneten dadurch den Weg für viele andere, so dass die Situation heute eigentlich umgekehrt ist. Der Büchermarkt ist von mehr Schriftstellerinnen mit einer breiten, treuen Leserschaft dominiert als von männlichen/ Schriftstellern.

zwd: Wie gut sind tschechische Autorinnen un ihre literarischen Schöpfungen in der Öffentlichkeit sowie bei ihren männlichen Kollegen akzeptiert? Welche Position nehmen sie in der modernen Kultur in Tschechien ein, auch im Vergleich mit männlichen Schriftstellern?

Denemarková: Männer beherrschen die Literaturwelt seit Jahrhunderten und wollen ihre privilegierte Stellung nicht aufgeben. Doch wir lassen uns unsere kreative Freiheit nicht nehmen! Endlich herrscht Solidarität, nicht nur unter Frauen, sondern in der gesamten Gesellschaft und über Generationen hinweg. Paradoxerweise pflegten ältere Frauengenerationen patriarchale Rolen in sich. Das war der schwierigste Teil meines Lebens: die patriarchalen Muster zu durchbrechen, die Männern wie Frauen im Blut liegen. Wichtig ist, dass man die Entscheidung, sein Leben selbst zu gestalten, nicht diskutiert. Natürlich muss man persönlich dafür einstehen und nicht nachgeben. Das ist nichts für Feiglinge. Ich war alleinerziehende Mutter zweier Kinder und freiberufliche Schriftstellerin, was laut vieler Frauen und Männer in meinem Umfeld unmöglich zu vereinbaren war. Konservative reduzierten mich auf meine Rolle als Frau; sie wollten mich in eine Schublade stecken. Sie würden sich beruhigen, wenn ich wieder heiraten oder meine Arbeit nicht mehr so ernst nehmen würde. Dann wäre die Welt klar. Ich habe mich anders entschieden. Ich bin glücklich mit meiner Unabhängigkeit und Freiheit und verunsichere andere deshalb. Meine Verantwortung gilt nur meinem Talent, also der Literatur, und meinen Kindern. In dieser Reihenfolge, denn Kinder leben ihr eigenes Leben, sie besuchen mich nur selten, und die Literatur wird mich bis zu meinem letzten Atemzug begleiten. Lange Zeit hat das niemand verstanden. Bei Männern ist das kein Problem, aber als Frau muss man sich seine Unabhängigkeit hart erarbeiten. (…)

Denemarková: "Als Frau muss man sich seine Unabhängigkeit hart erarbeiten"

Beruflich tauchen wieder andere Etiketten auf. Als tschechische Autorin soll man sich angeblich nur an die Tradition der nationalen Literatur halten. Man erwartet von Ihnen, dass Sie sich mit bestimmten Themen auseinandersetzen, sich dem nationalen Kanon anpassen und ihn anerkennen. Mir war die Weltliteratur wichtiger; ich hatte schon immer andere Maßstäbe für Kunst und Sprache und versuchte daher, mich von diesem Etikett zu befreien. Dann kam der Erfolg im Ausland und das neue Etikett des osteuropäischen Autors. Auch das lehnte ich ab. Selbst die Bezeichnung „europäische Autorin“ ist für mich inakzeptabel; ich bin einfach Autorin. All das diente meinem Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit. Man darf niemals Kompromisse eingehen. Deshalb hoffe ich, dass meine Literatur sensible und intelligente Leser ansprechen wird.

Tučková: Heutzutage beobachte ich keine besonderen Unterschiede mehr. Schriftstellerinnen wird derselbe Respekt entgegengebracht wie Schriftstellern. Von Frauen geschriebene Texte gefallen der Öffentlichkeit und haben teilweise sogar eine erhebliche gesellschaftliche Wirkung. Das habe ich selbst mit der Geschichte von Gerta Schnirch erlebt, einem tschechisch-deutschen Mädchen, das 1945 während der gewalttätigen Vertreibungen aus Brünn vertrieben wurde. Was den Respekt vor weiblichen Schriftsteller:innen betrifft, gibt es in der Tschechischen Republik natürlich eindrucksvolle Präzedenzfälle. Mit Božena Němcová, einer Schriftstellerin, deren eindringliche, sozial engagierte Werke im 19. Jahrhundert die tschechische Sprache aufwerteten und verfeinerten, als sie gerade eine kulturelle Widerbelebung erfuhr. Oder Eliška Krásnohorská, die sich für höhere Bildung von Frauen einsetzte, Františka Plamínková, die ihr Leben dem Wahlrecht von Frauen widmete, wodurch Tschechinnen mit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 das Recht zu wählen erhielten. Oder der Fall von Milena Jesenská, einer weitsichtigen Reporterin, die neben Frauen-Themen auch die Probleme der zeitgenössischen Gesellschaft mit großer Präzision aufzeigte. Wie Plaminková bezahlte sie dafür während der Nazi-Besatzung der Tschechoslowakei mit ihrem Leben. Beide blieben jedoch als starke Frauen-Stimmen im öffentlichen Bewusstsein, worauf post-kommunistische Schriftstellerinnen aufbauen konnten. Ein anderes Kapitel stellen natürlich die 40 Jahre kommunistischer Totalitarismus dar, welcher – in dem Bemühen, die Gleichberechtigung von Frauen zu beweisen – der Öffentlichkeit Werke von Schriftstellerinnen präsentierte, die (genau wie ihre männlichen Kollegen) mehr als literarisches Verdienst eine starke gegenüber dem kommunistischen Regime zeigten, so dass es wenig Sinn macht, ihre Texte heute wieder zu begutachten.

zwd: Welche Bedeutung messen Sie in der zeitgenössischen tschechischen (Frauen-) Literatur emanzipativen Fragestellungen und feministischen Themen bei?

Denemarková: Feministische Themen sind untrennbar mit dem Kampf für Demokratie, Gerechtigkeit und gegen moderne Sklaverei verbunden. Ich möchte die Realität dieser Welt in der Gestalt weiblicher Figuren erkennen, sie auf reinigende Weise neu erfassen. In grotesker Gestalt. Man beachte, wie das Etikett „Feminismus“ Männern und Frauen Erleichterung verschafft und sie ihre Gedanken beiseite schieben lässt – reine Konvention. Es ist seltsam, dass Autoren nie der Männlichkeit bezichtigt werden, während wir jahrhundertelang mit dem Unsinn all dieser starren Männlichkeitsvorstellungen in Literatur und Film bombardiert wurden (Kriegsromane, Spider-Mans, Swift Arrows, Star Wars, Der Pate, Cowboys, Rambo, Conan der Barbar…).

Der Begriff Humanismus ist von den Ideen der Gleichberechtigung durchdrungen. Doch heute kehrt viel Unsinn zurück, weil das Patriarchat alternden Despoten in die Hände spielt. Frauenrechte sind ein Lackmustest für den Grad der Demokratie in einem Land. Wenn ein autoritärer Staat die Macht übernimmt, werden die Freiheiten nicht nur von Minderheiten, sondern auch von Frauen stets zuerst beschnitten. Und die Bemühungen, sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, nehmen zu. Der Körper der Frauen wird wieder kontrolliert, Abtreibungen werden verboten, Frauen werden beschuldigt, zu studieren, anstatt Kinder zu gebären. Das Mittelalter kehrt überall zurück.

Im 21. Jahrhundert leiden Frauen in Osteuropa wieder unter den „Abtreibungsparagraphen“. Mutterschaft gilt nicht als Privatsache, sondern wird in den Dienst der „Bevölkerungspolitik“ (und z.B. in Polen oder in der Slowakei auch in den Dienst der Kirche) gestellt.

Eine neofaschistische Denkweise herrscht nicht nur unter konservativen, älteren weißen Machthabern, sondern auch unter radikalisierten jungen Generationen. Junge Männer bewundern schnelle und teure Autos, Muskeln und eine Art von Männlichkeit, die der Welt noch nie etwas Gutes gebracht hat. Darüber hinaus sind überpersönliche Werte verschwunden, Geld ist für sie der einzige Wert. (…) Diese Art von Männlichkeit sieht Frauen nur als Objekte – ganz nach dem Vorbild von Trump und Epstein. Das Patriarchat braucht Frauen weiterhin, wenn auch nur in begrenzten und kontrollierten Rollen. (…)

Tučková: "Es ist entscheidend, Probleme aus einer weiblichen Perspektive zu behandeln"

Tučková: Es ist entscheidend, Probleme aus einer weiblichen Perspektive zu behandeln - es gibt immer Themen, die übersehen oder als unwichtig verworfen würden, wenn Schriftstellerinnen sie nicht ins Blickfeld rücken würden. Für mich persönlich bildet ein solches Beispiel das jüngste Aufwerfen des Problems der Zwangssterilisierung von Roma-Frauen, eine Praxis, die Roma-Frauen in der Tschechischen Republik von den 1970er Jahren bis etwa 2010 betraf.

zwd: Erkennen Sie in der modernen tschechischen Literatur eine Entwicklung hin zur Darstellung von frauenbezogenen Stoffen und Charakteren, Tendenzen, in Büchern bevorzugt weibliche Sichtweisen und Erfahrungen zu bearbeiten?

Denemarková: Es entstehen Bücher mit starken Heldinnen des Alltags in allen Zeiten. Auch in meinen Romanen Dreht euch nicht um, Geld von Hitler (Ein herrlicher Flecken Erde) und Kobold, die ich als Trilogie über das mitteleuropäische 20. Jahrhundert bezeichne, habe ich sie gewählt. In meinen früheren Romanen erkundete ich Böhmen und Mitteleuropa, meine Geburts- und Lebensregion. Ich musste die historischen und sozialen Kontexte verstehen, die unsere heutige Mentalität prägen. Die Geschichte von Gita Lauschmannova in dem Roman Geld von Hitler (Ein herrlicher Flecken Erde) hat gerade deshalb eine Resonanz, weil sie überall und jederzeit spielen kann. Man muss nur den historischen und politischen Hintergrund ändern, aber der Kern der Geschichte – dass die Machthaber immer ein Opfer finden – wiederholt sich in jedem Land. Und in jedem Land verweben sie ihre Leichen im Keller mit diesem Buch. Die Menschen erkennen sich überall in Gita wieder. Ich habe dieses Buch über die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, über den zweiten Holocaust, den Gitas Nachbarn für sie vorbereiteten, nachdem sie aus dem Konzentrationslager zurückgekehrt war. Die Deutschen wurden vertrieben, die Juden tot oder im Exil. Jahrzehntelang wurde jeglicher deutscher oder jüdischer Beitrag zur tschechischen Kulturgeschichte praktisch verschwiegen.

(…) Und dann hat natürlich eine neue Ära begonnen. Ich schaue mich um, ich bin Teil der Menschheit. Ich habe zwei Jahre in China verbracht, über die ich den Roman Stunden aus Blei geschrieben habe und wo ich ein lebenslanges Reiseverbot habe. Ansonsten schreibe ich weiterhin über das, was mich beunruhigt und was ich am menschlichen Verhalten nicht verstehe, und ich versuche weiterhin, mit der Sprache zu arbeiten.

Denemarková: "Literatur von Frauen schenkt uns Werte wie Empathie, Demut und soziales Mitgefühl zurück"

Das Wort ist zur Kriegswaffe und zum Gegenstand des politischen Machtkampfes geworden. Denn wenn jemand alarmistische Nachrichten verbreitet, kann das Menschenleben kosten. Es ist zerstörerisch, dass Geschichte relativiert, der Holocaust geleugnet und vereinzelt ungebildete Menschen gehässige Obszönitäten brüllen. Die Lügenpropaganda hat im 21. Jahrhundert ein Werkzeug erhalten: das Internet und die künstliche Intelligenz. Die Kindlichkeit der Erwachsenen ist auf ihrem Höhepunkt; sie interessieren sich längst nicht mehr für Inhalte, sondern nur noch für neue und immer perfektere Technologien. (…) Die Informations- und Kommunikationsgesellschaft zerstört Beziehungen, und der technologische Fortschritt schafft eine verwirrende Vielfalt an Geräten; der Einzelne kann da nicht mithalten. Er läuft Gefahr, zum Informations- und Kommunikationsidioten zu werden. Und die Frauenliteratur schenkt uns Werte wie Empathie, Freundlichkeit, Demut und soziales Mitgefühl zurück.

Tučková: Wie ich schon erwähnt habe, hat dieser Trend in den letzten zwanzig Jahren an Dynamik gewonnen, so dass er in der zeitgenössischen tschechischen Literatur sehr ausgeprägt, tatsächlich fast dominant ist.

zwd: Glauben Sie, dass moderne literarische Werke von Frauen durch feministische Ideen und Vorbilder beeinflusst sind, und übt zeitgenössische Frauenliteratur eine Wirkung auf den gesellschaftlichen Diskurs von Frauenthemen bzw. traditionellen Rollenbildern und Denkmustern sowie emanzipativen Lebensentwürfen aus?

Denemarková: Absolut, Frauen sind doch Menschen! Zum Glück ändert sich alles unaufhaltsam, aber langsam. Heute versteht zum Beispiel jeder, dass Vergewaltigung ein brutales Verbrechen ist. Es ist nichts, was sich Männer „leisten“ können. Lange Zeit war es so, dass es für die „Armen“ in schwierigen Zeiten oder wenn sie den Druck in anderen Bereichen nicht bewältigen konnten, „normal“ war, einen Ort zu suchen, an dem sie sich erleichtern und neue Kraft und Selbstvertrauen tanken konnten. Und dieser Ort waren Frauen und Kinder, weil man sich ungestraft über sie erheben konnte. Die Opfer schämten sich, nicht die Täter.

Um es ganz einfach auszudrücken: Im Kampf für Gleichberechtigung gibt es Frauen, die gerne darüber diskutieren, aber selbst keine Risiken eingehen oder auch nur davon träumen würden, einen reichen Mann zu heiraten. Ich habe ihnen gezeigt, dass es möglich ist, sich selbst zu versorgen und Kinder allein großzuziehen, ohne die Verantwortung auf andere abzuwälzen oder auf Rettung von außen zu warten. Und das Etikett „schwaches Geschlecht“ ging mir wirklich auf die Nerven. Das ist ein gefährliches Klischee, das endlose und unnötige Debatten darüber auslöst, was eine Frau kann und was nicht, insbesondere wenn sie körperlich schwächer ist. Wir leben im Zeitalter der Technologie. Selbst während des Zweiten Weltkriegs, als die Männer an der Front kämpften, beherrschten Frauen alle Berufe. Weil sie die Möglichkeit dazu hatten. Doch nach dem Krieg wurden sie von den Männern unter dem altmodischen Etikett der „Stepford-Frauen“ praktisch wieder an den Herd gedrängt. Apropos Männer und Frauen: Ich respektiere es zutiefst, wenn sich jemand entscheidet, zu Hause zu bleiben, den Haushalt zu führen und das Haus zu verschönern. Im Gegenzug erwarte ich aber Respekt für andere Lebensformen, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten zu leben. (…) Als ich den Roman Beitrag zur Geschichte der Freude über sexualisierte Gewalt schrieb, war es mein Ziel, Menschen mit Vagina wahre Unabhängigkeit und unbestreitbare, unveräußerliche Würde zurückzugeben.

Tučková: "Die tiefgreifende künstlerische Erfahrung, die Literatur vermittelt, wirkt prägend"

Tučková: Selbstverständlich findet man in der Tschechischen Republik viele starke weibliche Stimmen: Radka Denemarková, Petra Hůlová, Klára Vlasáková und viele andere, deren Werke ihre feministische Sichtweise widerspiegeln. Und obwohl wir derzeit mit einem raschen Rückgang der Leserschaft und einer sinkenden Lese-Kompetenz konfrontiert sind, können wir sehen, dass die Medien, wenn ein qualitativ hochwertiger Text veröffentlicht wird, davon Kenntnis nehmen und dieser dadurch ein breiteres Publikum erreicht. Und natürlich wirkt die tiefgreifende künstlerische Erfahrung, die Literatur vermitteln kann, prägend und kann zu Veränderungen führen. Ich persönlich glaube stark an diese Rolle der Literatur.

zwd: Welche frauenbezogenen Themen sind Ihrer Auffassung nach in Werken moderner tschechischer Schriftstellerinnen besonders wichtig, inwieweit spiegeln sich in ihren Büchern für die Gesellschaft relevante, frauen- bzw. geschlechtsspezifische Verhältnisse oder Konflikte wider?

Denemarková: Die Themen der weiblichen Perspektive in Zeiten von Krieg, historischen Wendepunkten, Krisen, totalitären Regimen und „Krankheiten“ unserer Zeit. Diese Literatur kann angesichts von Ungerechtigkeit nicht neutral bleiben. Selbst Schriftstellerinnen werden von ihrer Zeit geprägt. Wir alle tragen Verantwortung für diese Welt, und Literatur sollte eine Oase des Humanismus sein. Es ist ein Teufelskreis: In Unternehmen, in der Politik, überall auf der Welt klammern sich dieselben Männer mit allen Mitteln an die Macht. Ihnen fehlt Empathie, soziales Mitgefühl und emotionale Intelligenz, denn diese Eigenschaften gelten in ihrer Machtwelt als Schwäche. Wenn Geld der einzige Wert für Jungen ist, sind ihre Vorbilder hauptsächlich Oligarchen, Psychopathen und Narzissten, die auf mafiösem Wege zu Reichtum gekommen sind, aber geistig zurückgeblieben und spirituell arm sind. Der Humanismus, ein integraler Bestandteil der Demokratie, verschwindet. Und das ist beängstigend. Demokratie bedeutet, sich an die Spielregeln zu halten, auch wenn kein Schiedsrichter zuschaut. Die Gemeinschaft zerfällt, wenn die Regeln nur für die Schwächsten gelten, nicht aber für die Mächtigen. Nur wer sich kompromisslos und mit einer klaren Vision vereint, kann in dieser Welt überleben. Das ist eine härtere Sichtweise als Feminismus und alle anderen -ismen zusammen. In meinen Büchern beleuchte ich immer wieder dasselbe: Totalitarismus auf allen Ebenen.

Denemarková: "Für mich ist es ein Kampf für Menschenrechte, nicht um Geschlechter-Unterschiede"

Diese Etiketten lenken vom Wesentlichen ab, kategorisieren und erniedrigen ganze Bevölkerungsgruppen und passen zum primitiven Denken von Kobolden und Frauen, die sich mehr um ihr Gehalt als um ihr Gewicht kümmern sollten. Dies ist kein Geschlechterkampf, es geht um viel mehr. Es geht um Gerechtigkeit. Es geht schlicht und einfach um die gleichen Menschenrechte für jeden Menschen, ob es den „Kobolden“ passt oder nicht. Damit ließe sich die Hälfte aller anderen sozialen Probleme lösen. (…) Unsere postsozialistischen osteuropäischen Länder haben angeblich die Zivilisationsnormen demokratischer Staaten übernommen, doch die patriarchale Denk- und Verhaltensweise ist in uns weiterhin tief verwurzelt. Es wird noch einige Generationen dauern, bis wir diese Last abwerfen. Ein verstärkter Feminismus war in einer Zeit, in der Frauen nicht einmal das Wahlrecht hatten, von enormer Bedeutung. Heute zweifelt wohl niemand mehr daran, dass alle Menschen in einer Demokratie gleiche Rechte haben müssen! (…)

Für mich ist es ein Kampf für Menschenrechte, nicht um die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, sondern um Respekt vor jedem Einzelnen. Es verstehen meine Freundinnen, die in westeuropäischen Demokratien geboren und aufgewachsen sind, das vollkommen. Sie sind entsetzt über die Gräueltaten, die – und je weiter man sich auf den Balkan und in den Osten begibt, desto schlimmer – an Menschen mit Vagina verübt werden. Gräueltaten, die Menschen ohne Vagina als das souveräne Recht des Herrschers betrachten. Sie selbst verhöhnen Vergewaltigung, geraten aber in Panik, wenn sie sich erkälten... (…) Ja, nach 1989 haben wir die zivilisatorischen Muster von Demokratie und Marktwirtschaft übernommen, aber wir haben vergessen, die rückständige patriarchale Gesellschaftsstruktur Osteuropas aufzubrechen. Sie ist tief in der DNA von Männern und Frauen verwurzelt. In meiner Literatur lasse ich die Realität und die Zeit, in der ich lebe, für sich sprechen. (…)

Tučková: Mutterschaft, Meinungsverschiedenheiten der Generationen, historischer Ballast, Trauma oder Identität.

zwd: Sehen Sie sich selbst in Ihrem literarischen Schaffen durch Feminismus, feministische Vorbilder und emanzipative Vorstellungen oder Ansätze geprägt, gehören diese in irgendeiner Form zu Ihrem Selbstverständnis als Schriftstellerin?

Denemarková: Was wäre ich ohne Ideen von Frauen, mit denen wir über die Jahrhunderte den Staffelstab weitergeben? Rahel Varnhagen, Božena Němcová, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Simone Weil, Ingeborg Bachmann… Mich interessiert insbesondere, wie Menschen sich verhalten und handeln. Jeder Mensch wird durch seine Taten definiert. Und ob jemand als Frau oder Mann geboren wird, die Welt behandelt ihn von Geburt an entsprechend. Es ist wichtig zu erkennen, welche Rollen uns die Welt zuweist. Es ist schwer, diese verkrusteten Spielchen nicht mitzuspielen, denn dadurch hält man dem kleinbürgerlichen Denken unerbittlich einen Spiegel vor.

Jeder anständige Mensch ist doch Feminist. Statt Feminismus spreche ich von Menschenrechten für alle. Und dagegen kann doch niemand etwas einwenden. Ich bin ein Mensch. Das bedeutet, nicht über Gleichberechtigung zu diskutieren, sondern sie frei und selbstbestimmt zu leben. Die Welt ist auch für mich da. In meiner Jugend war es nicht leicht, auszubrechen; Einer Frau waren nur wenige Rollen zugestanden. Damals bestimmten Männer alles, und Frauen hörten nur zu, unterstützten, pflegten und bewunderten. Niemals käme es einem Mann in den Sinn, dass eine Frau gebildeter und klüger sein könnte als er. Männlicher Chauvinismus, Arroganz und Eitelkeit sind lächerlich, Relikte vergangener Jahrhunderte, die wir nur schwer ablegen können. (…)

Tučková: "Ich kehre immer wieder zum Thema der Eigenständigkeit von Frauen zurück"

Tučková: Sicherlich wurde ich von der Literatur feministischer Autorinnen geprägt. Aber als Schriftstellerin wuchs ich an der Wende zweier Epochen auf, des kommunistischen Regimes und der Demokratie. Daher kamen für mich die Schlüsseltexte sowohl von weiblichen als auch männlichen Autor:innen, die einen gemeinsamen Gegner hatten: ein Regime, das jedem grundlegende Freiheiten verwehrte, nicht bloß Frauen. Eine wichtige, anti-totalitaristische Schriftstellerin war für mich Zdena Salivarová, die sich in den späten 1960ern mit ihrer Debüt-Sammlung von Kurzgeschichten Pánská jízda (dt. Die Herrenfahrt) gegen den (damals schon) berühmten Milan Kundera und sein sehr vereinfachtes, wenig schmeichelhaftes Porträt von Frauen positionierte. Im Gegensatz zu seiner Směšné lásky (dt. Das Buch der lächerlichen Liebe) schrieb Salvarová Geschichten, die kluge, sogar sarkastische Heldinnen in den Mittelpunkt stellten, die primitive männliche Oberflächlichkeit entlarven. Abgesehen davon, dass sie gezwungen war, ins Exil zu gehen, gründete sie im Exil in Kanada den legendären Verlag 68’Publishers, welcher dazu beitrug, rund zweihundert Bücher von verbotenen tschechischen Schriftsteller/innen in die Welt zu bringen. Außer ihrem eigenen Werk waren auch Texte von Toni Morrison, Olga Tokarczuk, Oksana Zabuzhko und der vor Kurzem verstorbenen Slavenka Drakulić für mich von Bedeutung.

zwd: Welche Aspekte von weiblicher Lebenserfahrung, Identität und Frausein sind für Ihre eigenen literarischen Werke bedeutsam, z.B. – Frau Dr. Denemarková - für Ihre neueren Romane Stunden aus Blei oder Schokoladenblut bzw., Frau Dr. Tučková, für Das Vermächtnis der Göttinnen oder „Weißwasser“?

Denemarková: (...) Der Kampf für Frauenrechte ist Teil des Kampfes für Demokratie und Menschenrechte weltweit. Die Romane Stunden aus Blei und Schokoladenblut sind poetische, sozialkritische, kompromisslose und zugleich intime Romane. Schokoladenblut ist ein Manifest des Feminismus und wird als antikes Drama präsentiert: Um die Hauptfiguren herum gibt es einen Chor. Nur: mein Chor trägt die Namen mutiger Frauen. Es ist eine Feier der Literatur und der Freiheit. Ich musste den riesigen Stoff ineinanderweben. Das Wichtigste ist unerschütterliche innere Freiheit und persönlicher Mut. Zum Beispiel die tschechische Autorin Božena Němcová hatte das Pech, dass ihr großes Talent in einem Frauenkörper und im 19. Jahrhundert geboren wurde. Sie war den tschechischen Patrioten dankbar. Und ihr ganzes Leben lang, außer in der Literatur, wo sie niemandem und nichts diente, wo sie niemandem Dank schuldete, schrieb sie Waren im Auftrag ihrer Zeit. Glücklich, dass sie als Frau überhaupt schreiben und drucken konnte. Es ist ein trauriges Paradoxon. Sie rettete die tschechische Sprache, nicht sich selbst und ihre Literatur. Man erlaubte ihr nicht, frei zu schreiben, was der tschechischen Sprache und Nation am meisten geholfen hätte. Nur große Literatur kann eine kleine Sprache verteidigen. Ich sehe es als meine Pflicht gegenüber all den weiblichen Talenten vergangener Jahrhunderte, die ihr Leben nicht leben konnten, frei und erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen.

Ich bin immer der Roman, den ich schreibe. Ich war eine „Schwalbe“, als ich den Roman Beitrag zur Geschichte der Freude aus der Perspektive dieser stilisierten Wesen verfasste. Die Schwalbe ist ein Bote des Frühlings und der Hoffnung, ein Symbol für Glück und Heimkehr, Treue und Hingabe sind in der slawischen Mythologie die posthume Inkarnation der weiblichen Seele. Schwalben unterscheiden aus ihrer Perspektive nicht zwischen den Geschlechtern. Sie fürchten sich nicht vor der Rückkehr und wissen nicht, dass die Welt unter ihnen durch Staatsgrenzen, Religionen, Nationalitäten, Privateigentum und andere Phänomene, die die Menschen trennen, geteilt ist. Deshalb verstehen sie nicht, warum sich die Menschen seit Jahrhunderten unter ihrer Herrschaft selbst zerstören und die eine Hälfte der Menschheit die andere in verschiedenen Formen der Sklaverei hält, nur weil sie Menschen mit Vaginas sind. Sie nehmen den Planeten und die Körper wahr, und jeder Körper muss respektiert werden. Und nur die Sprache der Körper lügt nicht, anders als die Sprache und anders als die Erinnerung, die so gern Fantasie und Selbsttäuschung vermischt.

(…) Für mein Leben ist die Literatur die Gesamtheit aller Formen der Tapferkeit, der Kunst, der Liebe, der Freundschaft und des Denkens, die dem Menschen erlauben, weniger Sklave zu sein. Und die Literatur so zu leben, ist die reinste Form der Liebe.

Tučková: Ich kehre immer wieder zum Thema der Unabhängigkeit von Frauen und dem Erfordernis zurück, sich in einer komplizierten Welt zu behaupten. Ich interessiere mich für die Erfahrungen von Frauen mit historischen und politischen Umbruchsituationen, da sie sich häufig von den Erfahrungen der Männer unterscheiden. Dabei spielt die Frage der Verantwortung, sich um Kinder und Angehörige zu kümmern, eine viel wichtigere Rolle.

Quelle: Literaturtest/ Connor Jandourek Photostudio

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