JAHRESBERICHT 2020 UND WSI-STUDIE : Gleichstellung in Ost und West: Weiterhin große Gender Gaps

16. September 2020 // Ulrike Günther

Mehr erwerbstätige Frauen, mehr betreute Kinder, mehr partnerschaftlich verteilte Erziehungsarbeit: Der Bericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit zeigt, dass die Gleichstellung in den ostdeutschen Ländern weiter fortgeschritten ist als in Westdeutschland. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Dennoch bleibt in vielen Bereichen, wie Löhnen oder Arbeitszeit, im Osten wie Westen ein deutliches Gefälle zwischen den Geschlechtern erkennbar.

Demonstration für Frauenrechte. - Bild:  Wikimedia.org / Katy Blackwood
Demonstration für Frauenrechte. - Bild: Wikimedia.org / Katy Blackwood

zwd Berlin/ Düsseldorf. Laut dem heute (16. September) von der Bundesregierung vorgestellten Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit lag die Beschäftigungsquote von Frauen in den ostdeutschen Ländern 2019 mit knapp zwei Dritteln (62,3 Prozent) auf annähernd gleicher Höhe wie diejenige der Männer (63,3 Prozent), während sie sich im Westen der Bundesrepublik – trotz eines Anstiegs um ca. 12 Prozent seit 2006 - noch um über acht Prozent (57,4 Prozent) von der Erwerbstätigenrate der Männer (65,8 Prozent) unterschied.

Auch bei der Tagesbetreuung von Kindern hat Ostdeutschland den westlichen Ländern nach Angaben des Berichtes noch viel voraus: Dort wurden von den unter 3-jährigen Kindern im Jahr 2019 rund 52 Prozent in Kitas betreut, von den westdeutschen unter 3-Jährigen hingegen nur 30,3 Prozent. Fast 80 Prozent ganztägigen Kita-Betreuungsplätzen im Osten stehen in Westdeutschland lediglich 45 Prozent Ganztagsplätze gegenüber, obwohl der Anteil seit 2006 um 13 Prozent zugenommen hat. Wie sich an Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zum Bezug zu Elterngeld ablesen lässt, beteiligen sich in den ostdeutschen Ländern Väter auch stärker an der Kindererziehung als im Westen: Über 42 Prozent der ostdeutschen, jedoch nur unter 38 Prozent der westdeutschen Väter nahmen im Jahr 2017 die staatliche Erziehungshilfe in Anspruch.

WSI: Mehr Gleichstellung in ostdeutschen Ländern

Fortschritte bei Bildung, Erwerbstätigenraten und sozialer Absicherung bescheinigt die aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung den ost- wie westdeutschen Frauen. Der einen Tag vor dem Einheitsbericht der Regierung vom WSI vorgelegte Report, welcher die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse in den östlichen und westlichen Landesteilen in den Blick nimmt, stellt aber „weiterhin erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West“ fest.

Die Gender Gaps bei Erwerbsraten, Arbeitszeit und Einkommen sind in den ostdeutschen Bundesländern demnach deutlich geringer als in Westdeutschland, wobei das Lohnniveau im Osten insgesamt niedriger ist als in den westlichen Ländern. Dennoch bleibe die Situation von Frauen in beiden Teilen der Bundesrepublik in vieler Hinsicht „schlechter als die von Männern“, resümiert das WSI die Erkenntnisse der Studie. In den ostdeutschen Ländern hatten Frauen 2017 mit 37 Prozent absolvierten Universitäts- und Fachhochschulstudiengängen höhere berufliche Abschlüsse als Männer, der Anteil akademischer Ausbildungen der westdeutschen Frauen verfehlte mit rund 30 Prozent knapp die Rate der Männer von ca. 32 Prozent.

Grüne fordern Gesetzentwurf zu ganztägiger Kinderbetreuung

Wie der Einheitsbericht der Regierung veranschaulichen auch die von der WSI-Studie angeführten Zahlen das starke Ost-West-Gefälle bei der Kinderbetreuung: Obwohl die Nachfrage nach ganztägigen Kita-Plätzen stetig steigt und sich der Abstand zwischen west- und ostdeutschen Ländern seit 2012 etwas verringert hat, werden im Osten mit rund 75 Prozent fast doppelt so viele 3- bis unter 6-jährige Kinder über Ganztags-Angebote versorgt als im Westen (41 Prozent). Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, sieht die Fraktionsvize und kinderpolitische Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen Katja Dörner wie die Linken und der DGB als wesentliche Voraussetzung besonders für Frauen und alleinerziehende Elternteile an, um nicht in sozio-ökonomisch benachteiligte Lebensverhältnisse zu geraten.

Aus Dörners Sicht sind die bundesweiten Unterscheide bei Angeboten zur Betreuung von Kindern „nicht länger hinnehmbar“. Da der geplante Rechtsanspruch auf Ganztagsangebote für Kinder im Grundschulalter nach Auffassung der Grünen-Sprecherin einen wichtigen Schritt in Richtung auf mehr Gleichberechtigung darstellen würde, forderte sie von der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), zeitnah einen Entwurf für ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Nach Auffassung der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Elke Hannack gibt es zum gerechten Umverteilen von unentgeltlicher Haus- und Sorgearbeit keine Alternativen. Die Politik müsse gemäß den Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag handeln, „um Familien weiter zu entlasten und die partnerschaftliche Teilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zu unterstützen“

Ostdeutsche Frauen häufiger in Chefetagen als westdeutsche

Erfolge verzeichneten in Ostdeutschland der WSI-Studie zufolge auch die „Karrierefrauen“ unter den Erwerbstätigen: Dort schafften sie es im Jahr 2018, fast ein Drittel (29 Prozent) der Stellen in den Chefetagen zu besetzen und 45 Prozent der Positionen auf der zweiten Führungsebene. Auch wenn im Vergleich zu 2004 ein leichter Aufwärts-Trend erkennbar ist, war in den westdeutschen Ländern 2018 nur ein Viertel der Betriebsleiter*innen weiblich, und auf der darunter liegenden Führungsebene hatten Frauen 39 Prozent der Stellen inne.

Besser aufgestellt waren die ostdeutschen Frauen im Vergleich zu den westdeutschen auf dem Arbeitsmarkt auch hinsichtlich Umfang und Zeitmodell der Erwerbstätigkeit: 2019 waren in Ostdeutschland nur knapp halb so viele berufstätige Frauen (9,9 Prozent) geringfügig beschäftigt wie in Westdeutschland (17,1 Prozent), der Abstand zu den Männern betrug im Osten bloß 1,5 Prozent, in den westlichen Ländern 7,5 Prozent. Ebenso fielen die Teilzeitquoten bei den ostdeutschen Frauen im Jahr 2018 mit 34,7 Prozent niedriger aus als bei den westdeutschen (48,6 Prozent). Der Unterschied zu den Männern war aber wie schon in den vorausgegangenen Jahren in Ost und West vergleichsweise hoch und bezifferte sich in den östlichen Ländern auf 22,7 Prozent, in den westlichen auf 37,7 Prozent.

Linke verlangen Aufwertung der Gesundheits- und Sozialberufe

Die gleichstellungspolitische Sprecherin der Linksfraktion Doris Achelwilm bezeichnete die „trotz aller Einsichten und Bekenntnisse“ fortdauernden Ungleichheiten als „skandalös“. Achelwilm macht für die faktische Benachteiligung von Frauen die nur zögerlich vonstatten gehende Aufwertung der weiblich dominierten Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufe, eine nachlassende tarifliche Bindung sowie das von der Politik bisher unangetastet gelassene Steuersystem des Ehegattensplitting verantwortlich. Die große Koalition müsse sich „mehr für Entgeltgerechtigkeit und eine geschlechtergerechte Steuergesetzgebung interessieren“, betonte Achelwilm, außerdem geringfügige Beschäftigungen in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten umwandeln. Ähnlich wie Grüne und DGB verlangte die Linken-Sprecherin von der Regierung, sie solle „familienpolitische Anreize für paritätische Elternmonate schaffen, Gleichstellungsgesetze schärfen und Zukunftsthemen zur gerechten Verteilung von Zeit, Familienarbeit und Geld auf die Tagesordnung setzen“.

DGB: Arbeitszeitgefälle ist Folge ungerecht verteilter Sorgearbeit

30 Jahre nach der deutschen Einheit hätten sich die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und den beiden Landesteilen bei Bildung, Qualifikationen sowie Erwerbsbeteiligung zwar verringert, erklärte die DGB-Vize Hannack, aber „die Lücke zwischen den Erwerbsarbeitszeiten von Frauen und Männern bleibt das Manko". Hannack sieht in dem sog. Gender Time Gap die Kehrseite der Tatsache, dass Frauen in Ost und West einen Großteil der unbezahlten Tätigkeiten in Haushalt und Familie leisten. Die Kluft zwischen den durchschnittlichen Arbeitszeiten von Frauen und Männern betrug 2018 nach Angaben von Destatis in Ostdeutschland knapp 5 Stunden, im Westen der Republik 9 Stunden. Die GEW-Vize benennt als nachteilige Folgen der hohen Teilzeit-Rate bei erwerbstätigen Frauen „niedrigere Einkommen, eingeschränkte berufliche Perspektiven und finanzielle Unsicherheiten bei Trennung oder im Alter“.

Tatsächlich ist der Gender Pay Gap im Osten der Bundesrepublik nicht so stark ausgeprägt wie in Westdeutschland: Im Mittel verdienten die ostdeutschen Frauen 6,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, demgegenüber waren die Löhne der westdeutschen Arbeitnehmerinnen mit 21,4 Prozent um mehr als das Dreifache geringer als diejenigen der Männer. Das WSI führt diese größere Diskrepanz zwischen den Stundenlöhnen weiblicher und männlicher Erwerbstätiger in Westdeutschland teilweise auf die erheblich höheren Gehälter der westdeutschen Männer im Vergleich zu denen der ostdeutschen Männer zurück. Ähnlich verhält es sich mit dem sog. Gender Pension Gap, dem Rentengefälle zwischen den Geschlechtern, das mit durchschnittlich 28 Prozent im Osten erheblich niedriger ausfällt als in Westdeutschland (53 Prozent).

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