KINDERRECHTE-INDEX |UNICEF-BERICHT | ARMUTS- UND REICHTUMSBERICHT : Kinderarmut erneut gestiegen – SPD: Kinderrechte ins Grundgesetz

25. Februar 2026 // Ulrike Günther

Rund 2,2 Millionen bundesdeutsche Kinder sind armutsgefährdet. Kinder von Alleinerziehenden sind mit über 40 Prozent besonders betroffen, ebenso Migrant:innenkinder. Chancen Minderjähriger sind regional stark unterschiedlich verteilt. Die SPD fordert, Kinderrechte ins Grundgesetz (GG) aufzunehmen, und tritt für mehr Teilhabe ein. Die Linken prangern wie die Grünen das Missverhältnis von Wirtschaftskraft und im Europa-Vergleich hoher Kinderarmuts-Rate an. Sie plädieren wie UNICEF für mehr Investitionen in sozial benachteiligter Kinder.

Kinder von Alleinerziehenden tragen ein besonders hohes Armutsrisiko. - Bild: UNICEF/ Paula G. Vidal
Kinder von Alleinerziehenden tragen ein besonders hohes Armutsrisiko. - Bild: UNICEF/ Paula G. Vidal

zwd Berlin. Zum Internationalen Tag der sozialen Gerechtigkeit hat das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) gefordert, die Bekämpfung von Kinderarmut in der Bundesrepublik zu priorisieren. Aus Sicht des DKHW ist es dafür unerlässlich, überall in Gesellschaft, Politik, Verwaltung und Rechtsprechung Armutssensibilität stärker zu berücksichtigen.

Die Effekte von Armut, besonders auf Kinder, müssten „in ihrer gesamten Komplexität thematisiert“ werden, um aufbauend darauf „Strategien für Bildungs-, Beteiligungs- und Hilfsprozesse“ zu initiieren, erklärte DKHW-Geschäftsführer Holger Hofmann am 20. Februar. Gleichzeitig begrüßte der Kinderrechtsverein, dass das EU-Parlament (am 12. Februar) mehr Unterstützung für die Mitgliedsstaaten verlangt habe, um die Europäische Kindergarantie umzusetzen. Diese sieht für benachteiligte Kinder u.a. gültigen Zugang zu kostenloser früher Betreuung, Bildung und Gesundheitsfürsorge vor. Dafür soll die EU nach dem Willen des Parlaments mindestens 20 Mrd. Euro bereitstellen.

Bündnis: Sozialreform betrifft viele Kinder

Am 19. Februar hatte das DKHW in einem Bündnis aus 38 Verbänden an Bundesregierung und Koalitionsfraktionen appelliert, bei der geplanten SGB II-Reform die verschärften Regelungen zurückzunehmen, welche vor allem Familien mit Kindern betreffen. Die Reform dürfe nicht „auf dem Rücken der ohnehin schon unter Druck stehenden Kinder erfolgen“, betonte DKHW-Präsidentin Anne Lütkes. Jegliche Streichungen bei den sowieso zu geringen Bedarfssätzen würden ungerechtfertigte, außergewöhnliche Lasten für Kinder mit sich bringen und gegen das Recht sozialer Sicherheit und adäquater Lebensverhältnisse der UN-Kinderrechtskonvention verstoßen.

Anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Zahlen zum Armutsrisiko von Kindern durch das Statistische Bundesamt (Destatis) konstatierte DKHW-Geschäftsführer Hofmann am 03. Februar, diese belegten eindeutig, dass die „bisherigen sozialpolitischen Ansätze“ zum Reduzieren von Kinderarmut nicht wirkten. Um für alle Kinder ein gutes, gesundes Aufwachsen und gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen, müssten eine eigenständige Finanzleistung für Kinder und Absicherung der Bedarfe von Bildung und Teilhabe durch ein „chancengerechtes (…) und armutspräventives Angebot“ im Lebensumfeld ineinandergreifen. Überdies sei die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Laut der Statistik stieg das Armutsrisiko von Kindern 2025 auf 15,8 % (+ 0,6 %). Ebenso erhöhte sich die Gefährdung durch Armut oder soziale Ausgrenzung (AROPE) auf 23,4 % (+ 0,5 %), das Armutsrisiko Alleinerziehender sogar auf 28,7 % (+ 1,7 %).

Die Grünen: Kinder-Bürgergeld zu knapp

Jedes siebente Kind in der Bundesrepublik lebe in Armut, mahnte Grünen-Politiker Timon Dzienus in der Bundestags-Debatte zum 7. Armuts- und Reichtumsbericht (ARB) am 17. Dezember. Wie Dzienus beispielhaft vorrechnete, reichen die Kindern im Bürgergeld für Nahrung und Bildung zur Verfügung gestellten Mittel bei weitem nicht aus. Der viel beschworene „Aufstieg durch Bildung“ funktioniere auf dieser Grundlage offensichtlich nicht, damit werde „eben auch Armut vererbt“. Als eine Maßnahme gegen die Armutsgefährdung von Kindern schlug der Sozialpolitiker kostenfreies Mittagessen an allen Schulen vor. Seine Fraktionskollegin Karoline Otte prangerte die ungleiche Verteilung des Reichtums in der Gesellschaft an. Überbordendem Luxus der Multi-Millionäre stellte Otte armutsbetroffene Kinder gegenüber, die sich Schwimmbad-Besuche oder neue Kleidung einfach nicht leisten könnten, und rief die Koalition auf, sie solle „sich (…) um diejenigen (kümmern), die es brauchen“.

Union: Mehr Chancen durch frühe Bildung

Linken-Politikerin Anne-Mieke Bremer monierte, dass die mit dem ARB vorgestellte Datensammlung, anstatt Erfahrungen von mit materiellen Entbehrungen lebenden Personen sichtbar zu machen, den Zusammenhang von Armut und Reichtum verschleiere. Sie hob u.a. die Perspektivlosigkeit Jugendlicher in sozial benachteiligten Vierteln hervor, die teilweise schon auf der Schule beigebracht bekämen, dass sie später voraussichtlich von Sozialleistungen abhängig wären.

Das Mitglied im Sozial-Ausschuss Dr. Ottilie Klein (Union) sagte „der Kinderarmut den Kampf an“, besonders „bei Alleinerziehenden und Familien mit mehreren Kindern“. Mit erweiterter frühkindlicher Bildung, verbessertem Kindergeld und Teilhabe-App beabsichtige die Koalition, „Kindern faire Chancen auf ein gutes und gesundes Leben (zu) ermöglichen“. Klein plädierte dafür, man müsse „früh ansetzen“, da bereits Sprachförderung von Kita-Kindern für erfolgreiche Bildung und Teilhabe wichtig sei.

Gemäß Daten des ARB, den die Bundesregierung am 12. Dezember im Parlament (Drs. 21/ 3250) vorlegte, unterscheiden sich Armutsrisiko-Quoten von Kindern je nach Einkommen und Familienform stark. Kinder von Alleinerziehenden sind demnach überdurchschnittlich durch (relative) Armut gefährdet. 2024 waren bei einem Erwachsenen lebende, abhängige Kinder nach Daten der EU-Statistikbehörde (Eurostat) zu 43,6 % von AROPE bedroht, Familien mit Elternpaar und zwei Kindern mit 14,0 % in geringerem Maße betroffen. Gehörten jedoch drei oder mehr Kinder zum Haushalt, stieg auch hier die Gefährdungsrate auf knapp ein Drittel (32,5 %). Nach Ansicht der Regierung spielt bei der Armutsgefährdung die Erwerbstätigkeit von Müttern eine Rolle. Frauen mit drei oder mehr minderjährigen Kindern waren nach Zahlen von Destatis im Durchschnitt mit über einem Fünftel (2024: 21 %) seltener berufstätig, als wenn sie ein oder zwei Kinder hatten.

Am meisten seien Kinder von Eltern ohne Erwerbseinkommen mit rund zwei Dritteln (Sozio-oekonomisches Panel, SOEP, 2020: 64 %) einem Armutsrisiko ausgesetzt. Bei einem in Teilzeit arbeitenden Elternteil betrug die Quote immer noch über ein Drittel (37 %), bei zwei in Vollzeit tätigen Eltern sank sie auf 3,4 %. Kinder von Migrant:innen tragen ein erhöhtes Armutsrisiko. Daten von Destatis zeigen, dass dieses 2024 bei fast einem Drittel (31,9 %) lag, das von Kindern ohne Einwanderungshintergrund bei nur 7,7 %. Dabei ist nach Aussagen des Sachverständigenrates Wirtschaft (2023) eine ungünstige Entwicklung zu beobachten. Über die Hälfte (55,4 %) der bis 17-Jährigen mit mindestens einem nicht aus der EU stammenden Elternteil besaß 2024 ein AROPE-Risiko, 2020 waren es noch 46,3 %.

SPD: Kinderrechte gehören ins Grundgesetz

Der Kinderrechte-Index 2025 mache deutlich, dass es „bei der Umsetzung von zentralen Rechten für Kinder (…) in allen Bundesländern“ immer noch eine Menge Spielraum gebe, unterstrich die familienpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Jasmina Hostert zum Erscheinen der DKHW-Studie am 11. Dezember. Das gelte sowohl für frühkindliche Bildung als auch ärztliche Versorgung, Freizeitangebote wie echte Beteiligung. Hostert warb für eine Kooperation aller Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen.

Der Kinderbeauftragte der Sozialdemokrat:innen Truels Reichardt wies darauf hin, dass die einzelnen Kinderrechte, wie Bildung, Schutz, Prävention und Gesundheit, eng miteinander verknüpft seien. Soziale Teilhabe beurteilte er als wichtig „im Kampf gegen Kinderarmut“. Trotz beachtlicher Fortschritte an vielen Orten seien zahlreiche Maßnahmen von befristeten Projektmitteln abhängig anstatt von für längere Dauer abgesicherten Strukturen. Reichardt plädierte erneut, wie schon zum Internationalen Tag der Kinderrechte, für deren Aufnahme ins Grundgesetz (GG). Ein solcher Vorschlag war bisher stets am Widerstand der Union gescheitert.

Chancen junger Menschen in der Bundesrepublik seien „nicht nur aufgrund ihres Elternhauses, sondern auch regional sehr unterschiedlich verteilt", interpretierte Lütkes, bis zum 25. Januar DKHW-Vizepräsidentin, die Studie. Auch 33 Jahre, nachdem die UN-KRK in der Bundesrepublik in Kraft getreten sei, sehe man sich bei Rechten von Kindern „einem föderalen Flickenteppich“ gegenüber. Jedes der Länder solle über den Vergleich mit guter Praxis anderswo seine „kinderrechtlichen Bemühungen (…) verstärken“.

DKHW: Eine Frage des politischen Willens

Für Lütkes wird an der Untersuchung erkennbar, dass Umsetzung von Kinderrechten nicht bloß eine Frage der verfügbaren Finanzen, „vielmehr des politischen Willens“ bildet. Verbesserungen hätten sich seit dem Index von 2019 länderbezogen u.a. durch gesetzliche Stärkung von Beteiligungsrechten, Konzepte zum Kinderschutz oder neue Programme zum Beseitigen von Kinderarmut ergeben. Doch keines der Bundesländer realisiere die Kinderrechte umfassend. Lütkes setzte sich für „eine ressortübergreifende Kinder- und Jugendpolitik“ in sämtlichen Ländern und begleitende Strategien zum Verwirklichen von Kinderrechten ein, besonders hinsichtlich Mitbestimmung sowie Förderung entsprechender Strukturen. Sie befürwortete ebenso, die psychosoziale wie mentale Gesundheit der Kinder zu stärken, „Landesstrategien zur Kinderarmutsprävention“ zum Standard zu machen und dafür auch kommunale Vorsorge-Netzwerke zu fördern. Lütkes hält es für sinnvoll, ein bundesweites, durch Indikatoren gestütztes Monitoring von Kinderrechten zu etablieren, an dem auch junge Menschen mitwirken sollten, da es in entscheidenden Bereichen, wie Gesundheit und Armutserleben, an genügend aufgeschlüsselten, fortlaufend erhobenen Daten fehle.

Die Linken: Es gibt ein Handlungsdefizit

In der Bundesrepublik werde „die Situation von Kindern (…) nicht besser, sondern schlechter“, kritisierte die Vorsitzende der Linksfraktion Heidi Reichinnek mit Blick auf den UNICEF-Bericht über die Lage von Kindern in Deutschland in einem zwd-Kommentar am 28. November. Dieses Resultat wertete sie für die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft als schändlich und eindeutiges Indiz dafür, dass “Einkommen und Vermögen in ganz erheblichem Maße ungleich verteilt“ seien. Zu den vielfältigen, bekannten Folgen der Kinderarmut gehörten mangelnde vollwertige Ernährung, äußerst beengte Wohnverhältnisse, stark unterschiedliche Bildungschancen sowie soziale Isolation. Es gebe „kein Erkenntnisdefizit, (…) einzig ein Handlungsdefizit“, betonte Reichinnek, auch kinderpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie bemängelte, es lägen zahlreiche Lösungsansätze vor, z.B. Kindergrundsicherung, kostenfreies Mittagessen in Schule und Kita, verbesserte Gesundheitsversorgung und höhere Investitionen in Bildung sowie Kinder- und Jugendhilfe. Dennoch stünde keine der Maßnahmen für die Koalition zur Debatte.

SPD-Fraktionsvize: Ärmere Kinder brauchen adäquate Hilfe

Als ein Gegenargument gegen die sich verweigernde Haltung der Regierung führte Reichinnek – neben dem für sie natürlichen Ziel, Kinder gut aufwachsen zu lassen – wissenschaftliche Berechnungen an, wonach Konsequenzen von Kinderarmut den Staat jährlich mehr als 100 Mrd. Euro kosten. D.h. auch vonseiten liberal-konservativer Politiker:innen, die vielfach bevorzugt aus wirtschaftlichem Kalkül handelten, sei es „schlicht und ergreifend unsinnig“, Kinderarmut nicht entschlossen zu bekämpfen, „nicht in Bildung zu investieren oder Jugendtreffs (…) immer erneut kaputtzusparen“.

Für die Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion Dagmar Schmidt belegt der am 12. November veröffentlichte UNICEF-Report, dass Teilhabe über die Zukunft entscheidet. Kinder bräuchten Orte, wo sie sich entwickeln und sich ausprobieren könnten. Außerdem werde ersichtlich, wie stark Kinder und Heranwachsende immer noch gesundheitlich unter Pandemie-Folgen, wie fehlenden Sozialkontakten und Bewegungsmangel, zu leiden hätten. Schmidt setzte sich dafür ein, Gesundheitsfürsorge in der Kinderpolitik zu etablieren. Vor allem Kinder ärmerer Familien bräuchten „passgenaue Angebote und Unterstützung“.

Die SPD-Fraktionsvize berief sich auf den Koalitionsvertrag, wo die Regierungsparteien in Aussicht gestellt hätten, die frühen Hilfen auszubauen, quartierbezogene Kinder- und Jugendarbeit zu fördern und Kinder psychotherapeutisch besser zu versorgen. Schmidt riet, jetzt „mit den zuständigen Ministerien die nächsten Schritte zu vereinbaren“, um die Situation von Kindern konkret zu verbessern.

Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion Misbah Khan forderte die Regierung auf, „eine umfassende Gesamtstrategie“ gegen Kinderarmut vorzulegen. Die Zahlen aus dem UNICEF-Bericht bezeichnete Khan als alarmierend, Forschung, Zivilgesellschaft und staatliche Institutionen warnten aber seit Jahren vor sozialer Ungleichheit. Wie die linke Fraktionschefin Reichinnek beanstandete sie, dass die Bundesrepublik trotz ihrer Wirtschaftskraft bei wichtigen Armutsindikatoren ungünstig abschneide. Ökonomisch schwächere Staaten, wie Portugal und Slowenien, bewiesen, „dass Kinderarmut kein Schicksal“, sondern der Handlungswille in der Politik ausschlaggebend sei.

Grüne und UNICEF für gezielte Investitionen in Familien

Khan trat wie UNICEF in den Handlungsempfehlungen des Reports für „gezielte Investitionen in Familien, Bildung, Kinderbetreuung, Gesundheit und Teilhabe“ ein. In wirtschaftsstarken Ländern stagniert der Anteil relativer Kinderarmut, d.h. wenn das Familieneinkommen unterhalb der mittleren Haushaltseinkünfte liegt, seit Jahren, in der EU bei etwas über 19 %. UNICEF stuft von bundesweit derzeit rund 14 Millionen Kindern ca. 1,3 Millionen als depriviert ein, d.h. grundlegende Bedürfnisse, wie vollwertige Ernährung, ein zweites Paar Schuhe, eine beheizte Wohnung oder eine jährliche Urlaubsreise von einer Woche, können nicht erfüllt werden.

Der Vorsitzende von UNICEF Deutschland Georg Graf Waldersee nannte es bei der Vorstellung des Berichts in der Bundespressekonferenz am 12. November „bei nüchterner Betrachtung fahrlässig“, dass es für Kinder in der Bundesrepublik zu wenig Fortschritte gebe. Wer heute nicht genug für die Kinder tue, gefährde die Zukunft des Landes, mahnte er.

UNICEF: Soziale Ungleichheit größte Herausforderung

Graf Waldersee stellte fest: „Soziale Ungleichheit bleibt die größte Herausforderung, wenn es um Chancen für Kinder geht.“ Er zeigte sich beunruhigt, dass mehr als 62.000 Jugendliche die Schule jedes Jahr ohne Abschlusszeugnis verließen. „Armut und Perspektivlosigkeit“ würden sich seit Jahren verfestigen. Der bundesdeutsche UNICEF-Vorsitzende warf den Verantwortlichen vor, dass es „noch immer (…) an einer politischen Gesamtstrategie gegen Kinderarmut“ fehle, und gab zu bedenken, dass wirtschaftlicher Aufschwung allein Kinder nicht von Armut befreie. Umgekehrt stärke jedes heute geförderte Kind den künftigen gesellschaftlichen Zusammenhalt und Wohlstand. Graf Waldersee erinnerte daran, dass das „Recht jedes Kindes auf eine gute Kindheit“ in der UN-KRK festgelegt und in der Bundesrepublik Gesetz sei. Neben Investitionen „in besonders benachteiligte Kinder“, z.B. von Alleinerziehenden, Mehrkinderhaushalten oder Geflüchteten, rät UNICEF u.a., das Startchancen-Programm für Schulen auszubauen und vergleichbare Konzepte für Kitas zu entwickeln. Der Bund solle ein Maßnahmenpaket auflegen, um Kinderarmut zu reduzieren, bürokratische Hürden beim Zugang zu Sozialleistungen abbauen, das Vereinbaren von Beruf und Familie verbessern und für mehr Mitbeteiligung von Minderjährigen sorgen, z.B. durch Kinderbeauftragte auf Ebene von Bund und Ländern.

Der Report veranschauliche, „wie sich Armut von Kindern auf wirklich alle Lebensbereiche nachteilig auswirkt“, erläuterte die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und Studienleiterin Prof.in Sabine Walper. Umso wichtiger sei es, „Strukturen so zu reformieren, dass alle Kinder unabhängig von der Herkunft faire Chancen auf ein gutes Aufwachsen haben“. Das setze „ein starkes Bildungs- und Gesundheitssystem, (…) eine vielfältige und wirkungsvolle Kinder- und Jugendhilfe und (…) bessere Zugänge der Eltern zu guter Arbeit“ voraus. Wie die SPD macht sich UNICEF seit vielen Jahren dafür stark, die UN-Kinderrechte im GG festzuschreiben, was die Position der Kinder stärke und wodurch sich ihre Rechte gegenüber Kommunen, Gerichten und Öffentlichkeit besser geltend machen ließen. Der UN-Organisation zufolge sind 12 % aller bundesdeutschen Kinder auf die Grundsicherung angewiesen. Von 12 Staaten Europas wiesen nach Eurostat 2024 bloß Ungarn, Spanien und die Slowakei höhere Anteile (12,9 – 10,7 %) von Kindern mit erheblichen materiellen und sozialen Entbehrungen auf als Deutschland (7,4 %).

Benachteiligte Mädchen fühlen sich weniger wohl

Im Feld sozialer Beziehungen referierte DJI-Vorsitzende Walper, jede:r fünfte Grundschüler:in fühle sich manchmal einsam, eine:r von elf Jugendlichen erlebe Mobbing. Unterprivilegierte junge Menschen würden mit höherem Lebensalter – durch Krisen beförderte – Zukunftsängste empfinden. Auf einer Skala von 0 bis 100 beurteilten Kinder psychisches Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit mit durchschnittlich 51 bis zu 67 Punkten, am unteren Rand befanden sich bedürftige Mädchen, ein Punkt über dem Schwellenwert für Depression. Sorgen macht es UNICEF, dass 44 % benachteiligte Kinder in beengten, überbelegten Wohnungen leben, ca. 130.000 wohnungslose Minderjährige in Kommunalunterkünften, tausende Migrantenkinder in Flüchtlingsheimen. Den seit 2006 sechsten UNICEF-Report erarbeitete das DIJ unter Leitung von Walper und Mitwirkung 26 weiterer Fachleute. Erstmalig wurden 23 Jugendliche bei Inhalts-Auswahl und Gestaltung beteiligt.

Quelle (in der Reihenfolge des Erscheinens im Text): DKHW, Studio Bezirksregierung Düsseldorf, DBT/ Michael Bennett, DBT/ Inga Haar, SPD-Bundestagsfraktion/ Photothek, Heidi Reichinnek/ Olaf Krostitz, SPD-Bundestagsfraktion/ Photothek, Misbah Khan/ Alexander Sell, UNICEF/ Zimmermann, UNICEF/ Zimmermann
Grafiken: Destatis, Eurostat EU SILC 2025/ eigene Darstellung, Kinderrechte-Index 2025/ DKHW, UNICEF-Bericht Lage der Kinder In Deutschland 2025, Eurostat EU SILC 2025/ eigene Darstellung

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