STUDIE BERTELSMANN STIFTUNG : Ländermonitor: Kita-Angebote durch Fachkräftemangel nicht kindgerecht

25. August 2020 // ticker

Jedes Kind hat in der Bundesrepublik einen Anspruch auf Betreuung in Kita, Krippe oder Tagespflege. Doch wie kindgerecht sind die Bildungs- und Erziehungsangebote für die Jüngsten? Zu wenig Personal, zu große Gruppen, nicht genug qualifizierte Fachkräfte - urteilt die Bertelsmann Stiftung in einer Studie. Sie fordert eine Gesamtstrategie, um die Situation zu verbessern. Die Erziehungsgewerkschaft GEW verlangt eine Qualitätsoffensive, die Linke ein Sofortprogramm für besseres Personal.

Kitas sind für Kinder der Anfang ihrer Bildungslaufbahn. - Bild: flickr / EnergieAgentur NRW
Kitas sind für Kinder der Anfang ihrer Bildungslaufbahn. - Bild: flickr / EnergieAgentur NRW

zwd Berlin/ Gütersloh. Zwar haben laut dem heute (25. August) veröffentlichten Ländermonitoring zur frühkindlichen Bildung fast alle Bundesländer das Betreuungsverhältnis in Kitas und Krippen verbessert. Dennoch können nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung viele Kitas „ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt umsetzen“. Die besten Personalschlüssel wiesen 2019 die Kindergärten in Baden-Württemberg und Bremen mit einem Verhältnis von einer Erzieherperson zu 6,9 bzw. 7,5 Kindern auf, bei den Krippen dieselben Länder in umgekehrter Rangfolge mit einem Verhältnis von einer Betreuerperson zu 3,0 bzw. 3,1 Kindern. Aber bundesweit war nach Angaben der Studie der Personalschlüssel für ca. 74 Prozent aller Kita-Schützlinge nicht kindgerecht.

Giffey: Kitas leisten gute Arbeit

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) verteidigte die von der Bertelsmann Stiftung im Ländermonitor als fragwürdig dargestellte Qualität der Kita-Betreuung. Die Erzieher*innen in den bundesweit fast 57.000 Kindergärten leisteten jeden Tag „hervorragende und kindgerechte Arbeit", betonte sie. Der Bund fördere gute Kinderbetreuung und geringere Gebühren über das Gute-KiTa-Gesetz bis 2022 mit ca. 5,5 Milliarden Euro.

„Wir als Bund werden uns weiter für gute Qualität und weniger Gebühren in den Kitas und in der Kindertagespflege engagieren“, unterstrich die Ministerin. Giffey sieht die Länder in der Pflicht, die Finanzhilfen des Bundes schnell und sinnvoll einzusetzen. Die Fördermittel für die frühkindliche Erziehung über das Kita-Gesetz würden auch nach 2022 an die Länder fließen, und über das Investitionsprogramm in Höhe von 1 Milliarde Euro aus dem Konjunkturpaket würden weitere 90.000 Kitaplätze entstehen.

Zu große Kita-Gruppen bedeuten für alle Beteiligten Lärm und Stress

Im Mittel liegt gemäß den Daten des Ländermonitors das Betreuungsverhältnis mit 1 : 8,8 in den Kitas und 1 : 4,2 in den Krippen noch deutlich über den empfohlenen Werten. Demnach sollte eine Erzieherperson höchstens 8 Kita-Kinder bzw. 3 Krippen-Kinder betreuen. In Ostdeutschland waren die Personalschlüssel mit durchschnittlich einer Fachkraft für 11,3 Kita-Kinder und einer Betreuerperson für 5,7 Krippen-Kinder schlechter als im Westen (1 : 8,2 bzw. 1 : 3,6).

Ähnlich verhält es sich mit den Größen der Kinder-Gruppen. Sollten nach Auffassung der Stiftung nicht mehr als 12 der jüngeren und nicht über 18 der älteren Kinder gemeinsam eine Gruppe bilden, war bundesweit 2019 mehr als die Hälfte (54 Prozent) der betreuten Gruppen zu groß. Das bringt nach Aussagen der Studie für die Erzieher*innen wie die Kinder Stress mit sich, und nicht immer können die Fachkräfte unter solchen Bedingungen „entwicklungsangemessene Aktivitäten“ durchführen. In den östlichen Bundesländern wurde nur knapp ein Drittel (ca. 32 Prozent) der Kindergruppen dem empfohlenen Maßstab nicht gerecht, in Westdeutschland waren es fast zwei Drittel (ca. 61 Prozent).

Länderstudie: Gesamtstrategie soll Personalmangel bekämpfen

Die in den Einrichtungen arbeitenden Betreuer*innen sind dem Ländermonitor zufolge unterschiedlich gut qualifiziert. In den ostdeutschen Regionen haben rund 82 Prozent des Kita-Personals eine Ausbildung zur Erzieherin/ zum Erzieher absolviert, in Westdeutschland nur 66 Prozent. An der Spitze lag Brandenburg mit 88 Prozent fachgerecht ausgebildetem Kita-Personal, auf dem untersten Rang Bayern mit 49 Prozent.

Aufgrund der Faktenlage rief das Vorstandsmitglied bei der Bertelsmann Stiftung Jörg Dräger die Bundesfamilienministerin dazu auf, den Ausbau der Kitas über eine Gesamtstrategie voranzutreiben. „Dem Personalmangel müssen wir mit Bündnissen von Bund, Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften begegnen“, verlangte Dräger. Sie müssten Ausbildung und Arbeitsbedingungen attraktiver machen, die Tätigkeit angemessen bezahlen und Unterstützungsstrukturen anbieten.

GEW und Linke: Bildungschancen sollen nicht vom Wohnort abhängen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte anlässlich der Veröffentlichung des Ländermonitors eine Qualitätsoffensive an. GEW-Vorstandsmitglied Björn Köhler beanstandete den Fachkräftemangel in den Kitas, der zu geringerer Qualität bei den Betreuungsangeboten führe. Köhler nannte es einen „Skandal“, dass die Chance von Kindern auf einen guten Beginn ihrer Bildungslaufbahn und gute Lebensperspektiven „immer noch vom Wohnort (…) abhängen“. Wie Dräger von der Bertelsmann Stiftung und die Linken plädiert der Gewerkschafter für höhere Erzieher*innen-Gehälter sowie verbesserte Rahmenbedingungen für die Arbeit, wie kleinere Kinder-Gruppen, mehr zeitlichen Spielraum für die pädagogische Tätigkeit und mehr angestellte Fachkräfte, außerdem eine Bezahlung der Ausbildung.

Der kinderpolitische Sprecher der Linksfraktion Norbert Müller bezeichnete den von der Studie beschriebenen Personalmangel in der Kindererziehung als „erschreckend“. Ebenso beanstandete Müller die erheblichen regionalen Unterschiede hinsichtlich der Qualifizierungen der Betreuer*innen. Vom Bund forderte er, die Mittel aus dem Gute-KiTa-Gesetz zu entfristen. Familienministerin Giffey sollte aus Sicht des Linken-Sprechers ein Sofortprogramm für mehr und besser geschultes Personal einrichten. Wie die GEW tritt Müller für eine vergütete Erzieher-Ausbildung ein. Außerdem erklärte Müller, die Familienministerin solle noch vor den Bundestagswahlen ein Kitaqualitätsgesetz vorlegen, das im gesamten Bundesgebiet einheitliche Standards gewährleistet.

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