zwd Berlin. Der Bundestag plant, die Frage gerechterer Bildung zum Inhalt einer allgemeinen Debatte zu machen. Die Grünen-Bundestagsfraktion hat dafür einen Antrag „Bildung darf nicht vom Einkommen abhängen – Gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen“ angemeldet, den sie bis zur Parlamentssitzung in zwei Wochen (11. Juni) vorlegen möchte. Die Linksfraktion im Sächsischen Landtag stellt sich beim selben Thema auf die Seite der im Kinderreport 2026 von Kindern und Erwachsenen mehrheitlich geforderten Verbesserungen: mehr qualifiziertes Personal für Kitas und Schulen, bundesweit vereinheitlichte Lernstandards und kostenfreie Bildung.
Diese Resultate des DKHW-Berichts seien „ein Arbeitsauftrag für die Regierungen in Bund und Ländern“, heißt es in einem Kommentar vom Mittwoch. Die parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion Luise Neuhaus-Wartenberg plädierte dafür, „Standards und Regeln anzugleichen“ und für „längeres gemeinsames Lernen an der Gemeinschaftsschule“, wofür Sachsen die Voraussetzungen verbessern müsse. Die Linken-Politikerin trat angesichts sinkender Kinderzahlen gegen unverantwortlich hohen Personal-Abbau ein und rief dazu auf, die Situation als Chance zu begreifen und individuelle Betreuung an Kitas und Schulen zu verbessern.
Landes-SPD: Bildung in Bayern ungerechter als in anderen Regionen
Die Bayern-SPD prangerte zum Erscheinen des Kinderreports ungleiche Bildungschancen im Freistaat an. Bildungsgerechtigkeit sei „in Bayern ein Problem“, schrieb der SPD-Landesverband am Dienstag auf Facebook. In einem audiovisuellen Online-Beitrag kritisieren die Sozialdemokrat:innen, dass in keinem anderen Bundesland „Bildung so stark vom Geldbeutel der Eltern“ abhängig sei. Bloß ein Bruchteil von Kindern aus sozial benachteiligten Familien bekomme eine Chance, das Gymnasium zu besuchen, gegenüber knapp 80 Prozent bei Kindern von Akademiker:innen. An bayerischen Kitas würden fast 46.000 Plätze fehlen, für die Ganztagsbetreuung an Grundschulen sogar 100.000, der Lehrkräftemangel sei eklatant. Im Gegensatz dazu betonen die SPD-Landespolitiker:innen, sie erstrebten „die gleichen Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler. Egal, ob arm oder reich“.
VBE: Schüler:innen müssen Demokratie über Mitbestimmung lernen
Der Vorsitzende des VBE Tomi Neckov hob in einer Stellungnahme zum Kinderreport als widersprüchlich hervor, dass die Befragten zwar zu jeweils hohen Anteilen Demokratiebildung befürworten – 94 Prozent der Kinder, 88 Prozent der Eltern -, doch nur etwas über zwei Drittel der Erwachsenen (67 Prozent) die praktische Mitbestimmung der Schüler:innen für (sehr) wichtig erachten, Kinder hingegen zu 88 Prozent. „Wer möchte, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen und demokratische Werte verinnerlichen, muss ihnen auch die Möglichkeit geben, Entscheidungen mitzugestalten“, mahnte Neckov. Ebenso monierte der VBE-Vorsitzende, dass lediglich rund zwei Fünftel der minderjährigen und erwachsenen Befragten (41 bzw. 40 Prozent) dafür optieren, dass auch Kita-Kinder an bestimmten Entscheidungen mitbeteiligt sein sollten. Aus Sicht von Neckov sei es ausschlaggebend, Kindern schon früh „eine Stimme zu geben“. Man müsse Kindern wie Jugendlichen zutrauen, selbst zu entscheiden und die Folgen tragen zu lernen, damit sie sich als resiliente Persönlichkeiten entwickeln könnten.
Prien: Höhere Investitionen in Bildung „eine Art Schicksalsfrage“
Bei der Vorstellung des Kinderreports in der Bundespressekonferenz in Berlin machte Bundesfamilienministerin Prien besonders in Richtung auf die Verantwortlichen in den Finanzressorts auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene deutlich, dass „mehr Investitionen in unser Bildungssystem kein ´Nice-to-have´“ seien, sondern quasi „eine Art Schicksalsfrage für unsere Nation“. Prien bekräftigte, Finanzgaben für die gesamte Bildung, angefangen von Kitas bis hin zu Hochschulen und Weiterbildung, seien eine Voraussetzung, um gerade jungen Menschen ein selbstbestimmtes Leben und politisch-gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Die Ministerin unterstrich, man könne das künftig sich verschärfende Fachkräfte-Problem nicht lösen, wenn man nicht allen Kindern die Chance biete, erfolgreich ihren Fähigkeiten gemäße Bildungsgänge zu absolvieren. Prien gab ebenfalls zu bedenken, dass gute Bildung für die Demokratie von entscheidender Bedeutung sei, da sie Kinder und Jugendliche potenziell zu kritischem Denken und Bewerten ermächtige, z.B. von politischen oder historischen Tatsachen. Als konkrete Maßnahmen, um für gerechtere Bildungsverhältnisse in der Bundesrepublik zu sorgen, zählte Prien den – regional sehr unterschiedlichen - Ausbau von Kitas, angemessene „Sicherung von Fachkräften“, Fördern der Kita-Qualität über Sprach- und Entwicklungsdiagnostik und Erweiterung des Ganztags auf.
Kultusminister:innen beraten über Verbesserungen im Bildungssystem
Darüber hinaus wies die Ministerin als Schritte hin zu fairerer Bildung auf Unterstützung von Schulen mit vielen sozial benachteiligten Kindern über das Startchancen-Programm, „datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung“, Demokratiebildung und Erhöhung der Medienkompetenzen hin. Alle Themen sind nach Priens Angaben Gegenstand von laufenden Beratungen der Kultusminister:innen auf Ebene der Länder sowie der Ländervertreter:innen gemeinsam mit ihr als Bundesfamilienministerin. Hinsichtlich vereinheitlichter Bildungsstandards bemerkte Prien, diese seien bereits für alle Schularten vorhanden, es käme stattdessen darauf an, dass sie „im Sinne gleichwertiger Lebensverhältnisse auch gleichmäßiger umgesetzt“ würden.
Laut Kinderreport sprach sich eine große Mehrheit der Erwachsenen (93 Prozent) dafür aus, an Kitas und Schulen mehr qualifiziertes Personal einzustellen, um Lehrkräfte und Erzieher/innen von organisatorischen Verpflichtungen zu entlasten. Fast genauso viele billigten bundesweit einheitliche Bildungsstandards (91 Prozent) und kostenfreies Lernen ab der Kita (90 Prozent) inklusive Schulmaterialien. Kinder und Jugendliche setzten die Prioritäten ein wenig anders. Sie rückten kostenlose Bildung und Lernmaterialien an die erste Stelle (88 Prozent), gefolgt von gleichen Regeln an allen Schulen (87 Prozent). Den dritten Rang nahm bei ihnen die Forderung ein, dass geflüchtete Kinder nach ihrer Ankunft in Deutschland möglichst rasch die Schule besuchen können (78 Prozent, Erwachsene: 80 Prozent).
DKHW fordert UN-Kinderrechte auf Bildung und Entfaltung ein
Wie der VBE-Vorsitzende Neckov legte auch DKHW-Geschäftsführer Holger Hofmann bei der Präsentation des Berichtes einen Fokus auf Mitbestimmung von Schüler/innen in Bildungseinrichtungen. Diese stelle „ein grundlegendes Kinderrecht“ dar, stärke Selbstwirksamkeit und Gemeinschaftsgefühl und trage als zentrales Element zur Demokratiebildung bei. Im Vorwort zum Report beruft sich Hofmann u.a. auf die von der Bundesrepublik ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention. Bund und Länder hätten sich damit verpflichtet, allen Kindern und Jugendlichen hochwertige Bildung diskriminierungsfrei zugänglich zu machen und für Persönlichkeitsentfaltung, Fähigkeiten sowie Teilhabe förderliche Lernorte zu gestalten.
Die Vize-Präsidentin des DKHW Anja Siegesmund bemängelte „fehlende Kita-Plätze, ein bundesweit ungleiches Bildungssystem und unzureichende Investitionen in Personal und Ausstattung“. Vor allem Kinder aus bedürftigen Lebensverhältnissen, mit Migrationshintergrund und in erster Linie geflüchtete Kinder seien von solchen Barrieren im System der Bildung betroffen. Siegesmund verlangte, Bildungsinvestitionen müssten „Prämisse jedweder sozial ausgewogenen und nachhaltig ausgerichteten Gesellschaftspolitik“ sein. Für den Kinderreport befragte im Auftrag des DKHW das forsa-Institut für Sozialforschung im Januar 1.006 10- bis 17-Jährige sowie 1.002 Erwachsene über ein repräsentatives Online-Panel, wie sie unterschiedliche Maßnahmen einschätzen, um Bildungschancen sozial benachteiligter Kinder zu verbessern.
Kinder wünschen sich mehr Mitbeteiligung und Projekte
Hohe Anteile der Befragten wünschten sich weiterhin eine verstärkte Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen und Jugendarbeit (E: 88 Prozent, K: 72 Prozent). Starken Zuspruch bei Minderjährigen und Erwachsenen erfuhren in ähnlicher Gewichtung die ihnen in der Umfrage vorgelegten Maßnahmen, um sozial benachteiligte Kinder im Schulalltag direkt zu unterstützen. Am wichtigsten beurteilten sie zusätzliche Förder- und Sprachlernhilfen (E: 94 Prozent, K: 88 Prozent), Unterstützung für hilfsbedürftige Familien (E: 91 Prozent, K: 86 Prozent) und mehr Sozialarbeiter:innen an Schulen (E: 87 Prozent, K: 81 Prozent). Beim Fördern von Demokratielernen nannten Kinder neben Demokratiebildung und Beteiligung an Entscheidungen mehr Projekte, die z.B. mit außerschulischen Vereinen oder Initiativen zusammenarbeiten könnten (70 Prozent, E: 78 Prozent).
Insgesamt beeinflussten die parteipolitischen Präferenzen der erwachsenen Studien-Teilnehmer:innen mit Ausnahme der Anhänger:innen der Rechtsextremen die Ergebnisse meistens nur unwesentlich: Für einheitliche Bildungsstandards entschieden sich z.B. 96 Prozent der SPD-Wähler:innen, 95 Prozent der Linken-Anhänger:innen, 92 Prozent der Sympathisant:innen der Union und 91 Prozent derjenigen der Grünen. Höhere Finanzgaben an Schulen mit vielen sozial unterprivilegierten Kindern bewerteten andererseits 96 Prozent der sozialdemokratisch gesinnten, 93 Prozent der grün- und 91 Prozent der linksorientierten Befragten, jedoch nur 78 Prozent der Unions-Anhänger:innen als (sehr) wichtig. Frauen stimmten tendenziell häufiger den vorgeschlagenen Verbesserungen zu als Männer, Kinder zu höheren Prozentsätzen für Mitbeteiligung und Demokratielernen als Erwachsene, für die anderen Bereiche etwas weniger, z.B. dass unterschiedlich leistungsstarke Schüler:innen länger zusammen lernen (E: 59 Prozent, K: 49 Prozent) sollten.