ENTWURF KITA-QUALITÄTSENTWICKLUNGSGESETZ [UPDATE] : Paritätischer: Gute Bildung braucht förderliche Rahmenbedingungen

22. Juli 2026 // Ulrike Günther

Bessere Startchancen, höhere Kita-Qualität – über die Ziele des Kita-Qualitätsentwicklungsgesetzes (QEG) herrscht unter Politiker:innen und Fachleuten Konsens. Doch der Referentenentwurf mit frühen Sprachtests und Vorschul-Förderung trifft auf Kritik: SPD, Linke und Länder bemängeln sinkende Bundesmittel bei steigenden Anforderungen. Der Paritätische plädiert für einen Fokus auf Ursachen ungerechter Bildung, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) für ganzheitliche Förderung.

Kinder sollten von Anfang an gute Startbedingungen haben. - Bild: pexels/ Yan Krukau
Kinder sollten von Anfang an gute Startbedingungen haben. - Bild: pexels/ Yan Krukau

zwd Berlin. Bildungschancen früh verbessern, Qualität in der Kita-Betreuung weiterentwickeln, Sprachförderung und Unterstützung für Kinder in Problemlagen, um eine gerechtere Anfangssituation unabhängig von familiärer Herkunft zu schaffen - die Ziele des neuen QEG von Bundesbildungsministerin Karin Prien (Union) hält auch der Paritätische Wohlfahrtsverband für begrüßenswert. Sein Kita-Referent Niels Espenhorst wirft in einem Blogbeitrag vom Montag jedoch die bildungspolitische Frage nach dem zugrunde liegenden Ansatz auf. Nach Ansicht von Espenhorst stellt das QEG die „Symptome von Bildungsbenachteiligung“ in den Vordergrund, anstatt sich den Ursachen zu widmen. Der Entwurf sei vor allem darauf hin orientiert, bestimmte Kompetenzen von Kindern festzustellen und zu fördern, und würde weniger Aufmerksamkeit auf die Bedingungen des Lernens richten, wie pädagogische Beziehungen, materielle Sicherheit oder soziale Teilhabe.

Paritätischer: Verstärkt nach Voraussetzungen für gutes Lernen fragen

Ungerechte Bildungschancen würden weniger dadurch entstehen, dass Kindern bestimmte Fähigkeiten fehlten, als durch ungleich verteilte Ressourcen, Diskriminierung oder unterschiedliche Lerngelegenheiten. „Ein wirklich chancengerechter Ansatz würde stärker danach fragen, welche Voraussetzungen Kinder benötigen, um ihr Potenzial zu entfalten“, betont Espemhorst. Gute Bildung würde man nicht insbesondere durch das Messen von Kompetenzen erreichen, sondern durch fördernde Rahmenbedingungen, wozu auch ausreichende Ressourcen für pädagogisches Personal gehörten.

Auch der Kitaverband VKMK bewertet den Schwerpunkt des Gesetzes auf Startchancen und Qualitätsentwicklung als „wichtige(n) Schritt“, gerade hinsichtlich des „nach wie vor starken Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg“. Wie SPD- und Linksfraktionen kritisiert der VKMK auf Instagram, dass der Entwurf „höhere Qualitätsstandards, zusätzliche Aufgaben und neue Anforderungen (…) mit einer schrittweise sinkenden Bundesfinanzierung“ verwirkliche. Der Verband macht geltend, dass man trotz der derzeitigen Sparzwänge im Bundeshaushalt nicht übersehen sollte, dass Investitionen in frühe Bildung zu den effektivsten Formen öffentlicher Mittelvergabe zählten. Wenn man jetzt spare, riskiere man längerfristig höhere Kosten, z.B. durch mehr Bedarfe an Nachqualifizierungen und Sozialleistungen.

Landes-SPD: Bund muss Umsetzung der QEG-Standards finanzieren

Bildungsministerin Prien hob das neue QEG, das die Startchancen gleich von Beginn an stärken soll, als „das größte bildungspolitische Projekt dieser Koalition“ (dpa) hervor, doch SPD, Linke und Länderminister:innen schätzen die im Entwurf eingeplanten Finanzen geringer ein, als für die Umsetzung benötigt. Mit dem im Koalitionsvertrag verankerten Vorhaben strebt die Regierung an, u.a. über verbindliche Sprachtests für alle vierjährigen Kinder und spezielle Fördermaßnahmen den Übergang von Kita und Grundschule zu vereinfachen. Der bildungspolitische Sprecher und Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag Gerald Eisenblätter mahnte, wer „neue bundesweite Qualitätsstandards“ einführe, müsse „Länder und Kommunen auch dauerhaft in die Lage versetzen“, diese zu realisieren. Eisenblätter erachtet den Fokus auf früher Bildung für richtig, bemängelt andererseits, dass ungleiche Entwicklungsstände der Bundesländer unberücksichtigt blieben.

Bereits im Forderungspapier „Für die Rettung der Kitas im Osten“ hätten sich die SPD-Fachsprecher:innen in den ostdeutschen Landtagen frühzeitig an die Regierung gewandt und vor Folgen gewarnt. In dem Papier vom Februar riefen sie die Gesetzgeber:innen auf, „die spezifisch ostdeutschen Herausforderungen“, d.h. besonders im Kontext sinkender Geburtenzahlen, beim Erarbeiten des QEG zu beachten. Eisenblätter befürwortet „verbindliche Sprachstandserhebungen und de(n) gezielte(n) Ressourceneinsatz mittels Sozial-Index“, wie sie der vorige Woche vorgelegte Entwurf vorsieht. Doch die Ausgestaltung müsse sich „an den Bedarfen vor Ort ausrichten und in die bestehende Kita-Struktur einpassen“. Wenn weniger Mittel ins Land fließen und neue Aufgaben hinzukämen, sollte „dringend nachgebessert werden“.

Linke kritisiert im QEG-Entwurf geplante Mittelkürzungen bei Kitas

Die Chefin der Linken-Bundestagsfraktion Heidi Reichinnek machte der Regierung am 17. Juli scharfe Vorwürfe. Trotz der steigenden Kosten, massivem Ausbaubedarf bei Betreuungs-Plätzen und -Qualität sowie „der Aufgabe des Bundes, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen“, kürze die Ministerin nun bei Kitas. Der Nachrichtenagentur dts zufolge monierte Reichinnek, marginale Verbesserungen bei 10 Prozent der Kinderbetreuungsstätten würden Benachteiligungen nicht ausgleichen. Die Sprachtests seien nutzlos, wenn sich im Weiteren auf den Erkenntnissen nicht aufbauen ließe, da es an entsprechenden Förderkräften und erforderlichem Fachpersonal fehle.

Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (Union) erkannte inhaltlich „gute Ansätze“ der Vorlage an, doch beanstandete gegenüber dpa, diese verbinde “mehr Anforderungen mit weniger Unterstützung“. Der Bund formuliere an Kommunen gerichtete hohe Ansprüche, gleichzeitig verringere er die Mittel erheblich. Ähnlich argumentierte die linke Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern Simone Oldenburg. „Die nachhaltige Stärkung der Startchancen aller Kinder sowie die Weiterentwicklung der Qualität der Kindertagesbetreuung“ unterstützt Oldenburg als seit Jahren von den Linken vorgebrachte zentrale Forderungen. Dennoch dürfe der Bund „den Ländern keine neuen Aufgaben übertragen, ohne deren Finanzierung dauerhaft sicherzustellen“. Die bisher über das Kita-Qualitätsgesetz (KiQuTG) zur Verfügung gestellten Mittel von 2 Mrd. Euro jährlich bräuchten die Länder nach Aussagen des Bildungsministeriums von MV auch immer noch, um die Kitas angemessen ausstatten und sämtliche Aufgaben leisten zu können.

VBE tritt für ganzheitlichen Ansatz bei Sprachtests und Förderung ein

Der Vorsitzende des VBE Tomi Neckov legt vor allem Wert auf einen „ganzheitlichen Ansatz“. Sprachstand und Entwicklungsfortschritte der Kinder sollte das Fachpersonal kontinuierlich aufnehmen und nicht bloß einmalig testen, unterstrich Neckov in einem Kommentar vom Vortag. Ebenso machte er deutlich, dass man für sinnvolle Sprachstands-Erhebungen eine auf dem Ergebnis basierende Förderung gewährleisten müsse. Die Tests hätten in Übereinstimmung mit gerechteren Chancen für Kinder Integration und bestmögliches Unterstützen der Entwicklung in den Mittelpunkt zu rücken.

Dafür sei nach Auffassung des VBE-Vorsitzenden eine Herangehensweise wichtig, mit welcher „die Stärken und Herausforderungen jedes Kindes sichtbar“ würden. Weiterhin sei das Personal gut zu qualifizieren, das Umfragen zufolge in knapp einem Drittel der Kitas nicht im Bereich Sprachlernen ausgebildet sei. Was den resultierenden Mehrbedarf an Fachkräften betrifft, trat Neckov erneut dafür ein, Beschäftigte, die einige Einrichtungen aufgrund der demografischen Situation einzusparen beabsichtigen, lieber zu behalten und auf diese Art in Betreuungsqualität zu investieren.

Kitas mit sozial schwachen Kindern sollen mehr Personal aufstocken

Insgesamt sind im Entwurf bis zum Jahr 2034 9,25 Mrd. Euro veranschlagt, auf Grundlage des KiQuTG hätten sich die Finanzhilfen auf 16 Mrd. Euro belaufen. Im Einzelnen ist eine verpflichtende Überprüfung von Sprachstand und Entwicklung von höchstens 4-jährigen Kindern und bei Bedarf deren Förderung vorgeschrieben, mit genauen Vorgaben des zusätzlichen Personals für die Tests sowie für Planen und Begleiten der Förderung. Auch diejenigen Kinder sollen an den Sprach- und Entwicklungstests sowie Fördermaßnahmen teilnehmen, die nicht in Kitas betreut sind. Für mindestens 10 Prozent Kitas pro Land ist ein stärkerer Personalbedarf angesetzt, wenn die Einrichtungen einen höheren Anteil von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, mit nicht-deutscher Muttersprache oder auffälligen Sprachlern-Defiziten aufweisen. Das QEG legt ebenso Regelungen fest, um den Übergang zur Grundschule zu verbessern. Den Einrichtungen macht es zur Aufgabe, Benachteiligungen von Kindern abzubauen und sie auf die folgende Bildungsstufe vorzubereiten.

Konkret werden die Kitas damit betraut, die Entwicklung von sprachlichen, selbstregulatorischen, motorischen und mathematischen Fähigkeiten zu unterstützen. Außerdem soll das Gesetz die Weitergabe der Daten aus den Erhebungen zu Sprachstand und Entwicklung der Kinder von Kitas an Grundschulen möglich machen. Im Koalitionsvertrag heißt es zum QEG: „Für gutes Aufwachsen und Chancengerechtigkeit für alle Kinder in Deutschland werden wir die verpflichtende Teilnahme aller Vierjährigen an einer flächendeckenden, mit den Ländern vereinbarten Diagnostik des Sprach- und Entwicklungsstands einführen. Bei ermitteltem Förderbedarf erwarten wir von den Ländern geeignete, verpflichtende Fördermaßnahmen und -konzepte. (...). Dafür führen wir ein Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) ein (...) Im Rahmen des QEG wollen wir eine zusätzliche Förderung für Sprach-Kitas und Startchancen-Kitas integrieren. (...) Die Startchancen-Kitas wollen wir nach (...) Sozialindizes bürokratiearm fördern, insbesondere mit einem Chancenbudget.“

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