BMK-EMPFEHLUNGEN | KITA-QUALITÄTSENTWICKLUNGSGESETZ : Probleme bei Kitas: Was sollte das neue Qualitätsgesetz leisten?

7. April 2026 // Ulrike Günther

Sinkende Kinderzahlen, Fachkräfte-Mangel: Mehrere Länder bereiten Reformen vor, stärken Kitas mit höheren Finanzhilfen. Das Bundesfamilienministerium (BMBFSFJ) soll im 2. Quartal einen Entwurf zum Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) vorlegen. Die GEW fordert verbesserte Rahmenbedingungen, die SPD, ostdeutsche Kita-Strukturen zu erhalten. Die Bildungsministerkonferenz (BMK) hat mit der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) Empfehlungen für den Kita-Grundschul-Übergang erarbeitet, um faire Bildungschancen zu schaffen (Wortlaut am Schluss der Nachricht).

Während halbleere Kitas dichtmachen, sind andere durch Fachkräfte-Mangel überlastet. - Bild: Pikist
Während halbleere Kitas dichtmachen, sind andere durch Fachkräfte-Mangel überlastet. - Bild: Pikist

zwd Berlin. Die rot-grüne Landesregierung von Niedersachsen stellt Städten und Gemeinden nach Übereinkunft mit den kommunalen Spitzenverbänden für Kinderbetreuung bis 2031 ca. 1,75 Mrd. Euro mehr zur Verfügung. Laut dpa sollen die Mittel die durch Inflation und höhere Tarifabschlüsse gestiegenen Personalkosten besser ausgleichen. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hob am Dienstag hervor, durch diese Einigung schaffe man „Planungssicherheit für die Kommunen und Träger“. Die Bindung an Tarife entlaste spürbar die Gemeinden und gewährleiste die Betreuungsqualität. Insgesamt werden die Kitas damit vom Land jährlich rund 1,79 Mrd. Euro (+ 290 Mill. Euro) für Personalkosten erhalten. Weitere Förderprogramme betreffen u.a. die Sprachbildung.

Landes-SPD möchte Kitas mit wenigen Kindern verstärkt fördern

In Nordrhein-Westfalen kritisieren GEW und Landschaftsverbände den Entwurf der schwarz-grünen Koalition für ein neues Kinderbildungsgesetz. Die Landes-GEW bemängelt daran z.B., dass Gruppengrößen je nach Lebensalter um 3 bis 4 Kinder überschritten werden dürften. Gerade unter Dreijährige würden bereits jetzt in Gruppen mit größeren Kinderzahlen häufig überfordert. Die Landschaftsverbände beanstanden, dass sich das von der Koalition in Aussicht gestellte dritte Kitajahr ohne Beitragspflicht nicht im Gesetzesvorschlag wiederfinde, so dass zu befürchten sei, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien keine Betreuungsangebote in Anspruch nehmen würden. Der Entwurf sehe zwar eine bessere Förderung benachteiligter Kinder vor, doch die Verbände bezweifeln, dass ein reines Umverteilen der Finanzen genügen werde, um die pädagogischen Zielsetzungen zu erfüllen.

Auch Thüringen plant eine Reform des Kindergarten-Gesetzes. Die Vorlage der regierenden Fraktionen (CDU, BSW, SPD) soll u.a. Familien entlasten und ein drittes Kita-Jahr beitragsfrei machen, Bedarfsplanung sichern und kleineren Einrichtungen mehr Finanzhilfen gewähren. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Matthias Hey hat demgegenüber eine dauerhaft erhöhte Förderung solcher Kitas vorgeschlagen. Im Freistaat sinken die Kinderzahlen aufgrund demografischer Entwicklungen drastisch. Nach Angaben von Hey besuchen in 650 von landesweit ca. 1.400 Kitas unter 50 Kinder die Einrichtungen. Der Gesetzentwurf sieht für Kitas mit wenigen Kindern begrenzt auf ein Jahr angehobene Pro-Kopf-Pauschalen vor, die SPD-Fraktion möchte sie hingegen mit jährlich 10 Mill. Euro zusätzlich stärken und Personalkosten trotz rückläufiger Geburtenzahlen genauso wie 2025 abfedern.

GEW: Fachkräfte-Mangel schränkt Qualität früher Bildung ein

Die GEW vermeldete zum Erscheinen der neuen Magazin-Ausgabe von E & W (Erziehung und Wissenschaft) am 02. April, in vielen Kinderbetreuungs-Einrichtungen führe der Mangel an Fachkräften „zu spürbaren Einschränkungen der Qualität des Angebots in der frühkindlichen Bildung“. Nur eine von sieben Kitas weise bundesweit die wissenschaftlich empfohlene Personalbesetzung auf, referiert E & W die Ergebnisse einer Projekt-Studie der Bertelsmann Stiftung zur Personalausstattung an Tages-Einrichtungen. Ca. ein Fünftel beschäftige höchstens 60 Prozent des für gute Bildung und Betreuung benötigten Personals. Die Fachkräfte-Quoten schwankten im Vergleich der Länder wie Regionen stark, nach Daten der Bertelsmann-Untersuchung durchschnittlich zwischen rund einem Drittel in Baden-Württemberg (35,6 Prozent) und Bremen (31,6 Prozent) und deutlich unter einem Prozent in Mecklenburg-Vorpommern (0,7 Prozent) und Sachsen (0,6 Prozent).

Wie die GEW berichtet, habe eine Umfrage ergeben, dass die Landesverbände die Lage der Kitas überall als widerspruchsvoll bis besorgniserregend einschätzen. Während in Berlin inzwischen vielerorts Kita-Plätze unbesetzt blieben, beklagte Hamburg eine „hochgradig angespannt(e)“ Personalsituation, Nordrhein-Westfalen „Überlastung, chronische(n) Personalmangel und ständige Improvisation“. Nach Ansicht des GEW-Vorstandsmitglieds für Jugendhilfe und Sozialarbeit Doreen Siebernik bestätigt die Bertelsmann-Studie eine Entwicklung im Bereich frühkindlicher Bildung. Beschäftigten-Zahlen seien zwar in den vorigen Jahren gestiegen, qualifizierte Fachkräfte jedoch weniger geworden. Man sei „in eine Deprofessionalisierungsfalle geraten“, erklärte Siebernik, dem müsse man dringend entgegenwirken.

Ostdeutsche SPD appelliert an Regierung, Ost-Kitas zu retten

In Kitas fachfremdes oder gering qualifiziertes Personal einzusetzen, stelle eine behelfsmäßige Lösung dar, die den Mangel an Fachkräften nicht beheben könne, sondern längerfristig sogar verschärfe. Das GEW-Vorstandsmitglied hält es für entscheidend, nun bessere strukturelle Rahmenbedingungen zu erreichen, d.h. für verbindliche Standards in der Ausbildung, mehr qualifizierte Fachkräfte und kontinuierliche Fortbildungen zu sorgen. Siebernik unterstützt ein Forderungspapier von SPD-Politiker:innen aus den ostdeutschen Bundesländern, die dafür eintreten, Ost-Kitas zu retten und den Strukturabbruch zu verhindern. Angesichts der demografischen Entwicklung und sinkender Kinderzahlen appellieren sie an die Koalitionsregierung, beim QEG die spezifischen Herausforderungen in Ostdeutschland zu beachten.

Entwurf für Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz noch im 2. Quartal

Die Sozialdemokrat:innen fordern, Erhalt von Betreuungs-Strukturen u.a. durch verstärkte Förderhilfen für ein günstiges Fachkraft-Kind-Verhältnis und längere Betreuungszeiten abzusichern und neue Standards durch Bundesmittel auskömmlich zu finanzieren. Siebernik unterstrich, man dürfe es nicht zulassen, dass „jetzt Einrichtungen geschlossen und Fachkräfte entlassen“ werden. Sie verlangte resolutes Handeln der Politik sowie Investitionen in frühe Bildung. Der Bertelsmann- Untersuchung zufolge unterscheidet sich die Kita-Situation in Ost und West beträchtlich. Demnach sind in Westdeutschland lediglich 11,1 Prozent der Betreuungseinrichtungen zu einem Anteil von höchstens 60 Prozent der angeratenen Quote mit Personal besetzt, in den ostdeutschen Ländern (inkl. Berlin) hingegen fast sechsmal so viele (65,3 Prozent).

Das BMBFSFJ beabsichtigt, für das im Koalitionsvertrag anvisierte QEG noch im 2. Quartal dieses Jahres einen Referentenentwurf vorzulegen, schreibt die Bundesregierung in einer Antwort (Drs. 21/ 3699) auf eine Anfrage der Linksfraktion (Drs. 21/ 3411). Die mit Vertreter:innen des BMBFSFJ und der AG der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden (AGJF) besetzte Arbeitsgruppe, die seit dem Juli 2025 den Gesetzesvorschlag vorbereite, berate auch darüber, wie die von Union und SPD vereinbarte Förderung von Sprach-Kitas und sog. Startchancen-Kitas in das QEG zu integrieren sei. Weiter teilte die Regierung auf Frage der Linken nach der finanziellen Grundlage mit, der Bund unterstütze die Länder bei Bemühungen, die Kita-Qualität zu steigern, 2026, wie im Vorjahr, mit 2 Mrd. Euro durch vertikale Verteilung der Umsatzsteuer. Die Bundesländer könnten die Mittel auch für Maßnahmen verwenden, die frühkindliche Sprachbildung stärken. Nach dem Willen der Koalition wird das QEG das bisherige KiTa-Qualitäts- und Teilhabe-Gesetz ablösen, das Konzept für Sprach-Kitas weiterentwickeln und Startchancen-Kitas bürokratiearm über Sozial-Indizes, vor allem durch ein Chancen-Budget, fördern.

Erfolgreicher Übergang zur Schule soll faire Chancen ermöglichen

Die von der Kultusministerkonferenz (KMK) am 01. April veröffentlichten gemeinsamen Empfehlungen von BMK und JFMK legen Grundsätze für den erfolgreichen Übergang von der Kita-Betreuung in die Grundschule fest. Anlässlich der diesbezüglichen Zustimmung der Bildungsminister:innen auf ihrer 7. Sitzung am 26. März betonte die BMK-Präsidentin und bayerische Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler), ein guter Übergang sei ein wesentlicher Schritt für den weiteren Bildungsverlauf der Kinder, daher setze man bewusst auf enge Kooperation aller Beteiligten aus Familie, Kita und Schule. Ziel sei es, „jedes Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten und Stärken (…) zu fördern“ und ihm von Beginn an „faire (...) Bildungschancen“ zu eröffnen.

Die JFMK-Vorsitzende und Jugendministerin von Hessen Heike Hofmann (SPD) bewertete Sprache auch im Kita-Bereich „als zentrales Gelingens-Element“. Deshalb baue die JFMK auf frühen, entwicklungsgerechten „Erwerb sowohl sprachlicher als auch mathematischer wie sozialer und emotionaler Kompetenzen“ als einer soliden Basis. Man wolle sicherstellen, dass Kinder in ihren Fähigkeiten und Bedarfen gefördert werden, und ihnen gleichberechtigte Teilhabe und gerechte Bildung ermöglichen. In dem 14-seitigen Papier benennen BMK und JFMK die übereinstimmende Absicht, „Bildungsprozesse für Kinder aktiv und konsistent zu begleiten und zu unterstützen“.

BMK und JFMK raten, sozial-emotionale Kompetenzen zu stärken

Im Einzelnen empfehlen die Minister:innen, Entwicklungsverläufe von Kindern in Kita und Schule anhand anerkannter, erprobter Verfahren verpflichtend zu beobachten und zu dokumentieren. Dafür sollten pädagogische Fachkräfte wie Lehrer:innen entsprechend qualifiziert sein. Um die als bedeutsam beurteilten sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder zu fördern, bedürfe es „familienunterstützender Angebote“, um Eltern in ihren Erziehungsfähigkeiten zu stärken. Überdies müssten die Einrichtungen Konzepte bereithalten, wie sozial-emotionale Bildung und vertrauensvolle, zuverlässige Beziehungen zu den Kindern zu gestalten seien. Systematische, fortdauernde Entwicklungsförderung der sozialen wie emotionalen Kompetenzen solle zur pädagogischen Aus- und Weiterbildung von Erzieher:innen und Lehrkräften gehören und sei bei der Qualitätssicherung einzubeziehen.

Für Kinder ohne Kita-Besuch werden Sprachstands-Tests verpflichtend

Darüber hinaus plädieren BMK und JFMK dafür, sprachliche Bildung in den Erziehungs- und Lehrplänen als essenzielle Aufgabe zu verankern, pädagogischen Fachkräften wie Lehrer:innen seien dafür Fort- und Weiterbildungen anzubieten. Die Potenziale, die sprachliche Heterogenität und vorhandene Mehrsprachigkeit, z.B. von Kindern mit Migrationshintergrund, beinhalten, seien dabei didaktisch im Alltag zu nutzen. Um mathematische Fähigkeiten von Kindern zu unterstützen, sollten Kitas und Grundschulen in Konzepten bestimmen, wie die Bildungsprozesse aufzubereiten seien. Ausbildung und Weiterbildung von Erzieher:innen und Lehrkräften sollten sowohl basale mathematische Fachkenntnisse als auch didaktisch-methodische Handlungsfähigkeiten vermitteln.

Für Kinder, welche keine Kita-Einrichtung besuchen, schlagen die Minister:innen verbindliche Verfahren zur frühzeitigen Erhebung des Sprachstandes – d.h. bis spätestens ein Jahr vor Schulanfang - vor. Wenn bei Kindern Lücken bei den sprachlichen Kompetenzen beobachtet würden, sei eine obligatorische Förderung bis zur Grundschule gesetzlich festzuschreiben und über flexible Strukturen in Kitas, Schulen und Familienzentren, aber auch über aufsuchende Arbeit durchzuführen. Außerdem setzen sich BMK und JFMK dafür ein, die Zusammenarbeit zwischen Kitas und Grundschulen rechtlich, vertraglich oder in Landes-Bildungsplänen festzulegen sowie Formate für gemeinsame Fortbildungen und fachlichen Austausch zu schaffen.

Wortlaut der Empfehlungen für den Kita-Grundschul-Übergang hier


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