VORABDRUCK AUS zwd-POLITIKMAGAZIN 412 (KOMMENTAR) : „Aufstieg durch Bildung muss sozialdemokratisches Kernanliegen bleiben"

30. Juni 2026 // Dr. Ernst Dieter Rossmann

In seiner vorab veröffentlichten Kolumne für das zwd-POLITIKMAGAZIN, Ausgabe 412, fragt Dr. Ernst Dieter Rossmann nach den Perspektiven sozialdemokratischer Bildungspolitik: Ist das Kernversprechen „Aufstieg durch Bildung“ an seine Grenzen gestoßen? Angesichts der Fakten, in denen der Jahresbericht von ArbeiterKind.de dokumentiert, dass 78 von 100 Akademikerkindern ein Studium aufnehmen und es bei Nichtakademikerkindern nur 25 von 100 sind, müsse sich seine Partei, die SPD, darauf rückbesinnen, dass diese Relationen nicht quasi naturgegeben seien und auch nicht so bleiben müssten. Die Ausgabe 412, die Anfang August erscheint, beschäftigt sich mit dem Sound der zahlreichen Bildungsvergleichsstudien: Soziale Herkunft und Bildungsarmut bremsen ungehindert den Bildungserfolg.

Aufstieg durch Bildung und Bildung als Selbstverwirklichung – was für die SPD zusammen gehören muss!

Bettina Martin, Ministerin in Mecklenburg Vorpommern und eine führende sozialdemokratische Bildungspolitikerin , erinnert in ihrem Vorwort zum letzten Jahresbericht der Aktion Arbeiterkind.de an ihre eigenen Eltern, für die das politische Versprechen „Aufstieg durch Bildung“ ein familiärer Ansporn gewesen ist. Und selbst wenn sich in den letzten 40 Jahren viel verändert hat – z.B. mit einer deutlichen Erhöhung der Zahl der Studierenden und wachsenden Chancen insbesondere für die Frauen – muss Bettina Martin resümieren: „Immer noch hängt der Bildungserfolg in Deutschland viel zu stark von der sozialen Herkunft ab. Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten in unserem Land.“ Der Jahresbericht von ArbeiterKind.de dokumentiert dazu, dass 78 von 100 Akademikerkindern ein Studium aufnehmen und es bei Nichtakademikerkindern nur 25 von 100 sind. Muss das quasi naturgegeben so bleiben? Ist der „Aufstieg durch Bildung“ tatsächlich an seine Grenzen gestoßen?

Aufstieg durch Bildung muss ein sozialdemokratisches Kernanliegen bleiben

„Alle Vorrechte im Zugang zu Bildungseinrichtungen müssen beseitigt werden. Nur Begabung und Leistung sollen jedem den Aufstieg ermöglichen.“ Diese klare Ansage im Godesberger Programm der SPD von 1959 wurde mit Recht zum Hintergrund für die sozialdemokratisch geprägt Reform-Agenda der letzten Jahrzehnte – mit der BAföG-Ausbildungsförderung für Schüler und Studierende wie dem Meister- BAföG und der Förderung der Aufstiegsfortbildung von heute, mit Schulreformen für längeres gemeinsames Lernen und mit der Öffnung von Zweiten und Dritten Bildungswegen und dem Ausbau der Weiterbildung.

Das geschah nicht ohne harten Widerstand der alten und neuen Eliten, die um ihre Pfründe fürchteten mussten und sich in ihrer Selbstrekrutierung gestört fühlten. Der Stolz von Eltern und ihren Kindern auf das durch Anstrengung und Bildung an sozialem Aufstieg Erreichte, sei es im spezialisierten Facharbeiterbereich, bei den qualifizierten Dienstleistungen oder in akademischen Berufen, hatte Ausstrahlung über die Generationen hinweg. Es verband sich mit dem Bewusstsein von Fortschritt und Zuversicht und trug zu Wohlstand, Innovation, Zukunftssicherheit bei.

Wenn wir in der Bildungspolitik die Herstellung oder zumindest die ernsthafte Förderung von Chancengleichheit als Auftrag ernst nehmen, tun wir dies vor dem Hintergrund von immer noch sehr vielen berechtigten, notwendigen und wünschenswerten Aufstiegsmöglichkeiten. Zum Beispiel

  • für viele Kinder und Jugendliche und junge Menschen und später Erwachsene aus bildungsfernen bzw. bildungsarmen Familien und Schichten
  • für viele Menschen in materieller Armut und prekären Lebenslagen, die sich aus finanziellen Gründen keinen Bildungsaufstieg leisten können
  • für viele Menschen mit Biographien der Einwanderung und humanitär begründeten Aufnahme und die sehr „hungrig“ auf Einstieg und Aufstieg durch Bildung sind

Weshalb sollten die Fortschrittsparteien in Deutschland und darüber hinaus das Ziel der prinzipiellen Gleichheit von Chancen, das heißt auch an vorderster Stelle von Bildungschancen, und die klare Kampfansage an die Beharrungs- und Abgrenzungsideologien von Eliten und deren anmaßende Ansprüche auf den Schutz vor Konkurrenz und Transparenz aufgeben? Weshalb verstärken wir nicht den unbedingten Einsatz für Chancengleichheit in der Bildung, für Ermöglichung und Anerkennung von Anstrengung und Leistung mit Blick auf Lernen, Fähigkeiten, Kompetenzen und Bildung? Muss da der Aufstieg der Einen immer den Abstieg der Anderen bedeuten? Und hart gesprochen: Dürfen aus Teilen der selbstgerechten Bildungselite und anderer abgehobener Kreise der sog. besseren sich abschottenden Gesellschaft dann nicht auch einige gerne absteigen und aufgestört werden? Und sollten wir nicht diesen Duktus und Anspruch der sog. Eliten selbstbewusst weiter angreifen und strukturelle Hindernisse von Chancengleichheit entschieden beiseiteräumen?

Zumal die sich bildenden und arbeitenden Menschen die Unterschiede nach Fähigkeiten und Können, Ehrgeiz und Engagement, Leistung und lebenslangem Lernen anerkennen und damit den verbundenen „Erfolg und Aufstieg“ auch respektieren, in der Regel ohne Ignoranz und Herabsetzung gegenüber den nicht so Erfolgreichen und nicht so weit Aufgestiegenen. Gewiss kann der Druck von Familien und dem engeren und weiteren Umfeld und dessen Verinnerlichung auch zu Überanstrengung, zu übersteigerter Konkurrenz, zu Versagungsgefühlen und zu tiefgreifenden Frustrationen führen. Das darf nicht ignoriert werden. Aber eine Gesellschaft der Chancengleichheit und der Verbesserungs-, Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten muss nicht zwangsläufig zu einer brutalen Konkurrenzgesellschaft werden, die sich vorrangig oder gar ausschließlich über Auf- und Abstiege definiert. Tatsächlich gibt es auch hier Beispiele für einen anderen respektvoll egalitären Spirit und dessen gesellschaftspolitische Unterfütterung und Absicherung in der Tradition anderer Staaten und auch im bürgerschaftlichen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Mehr Chancengleichheit von Anfang an ist das Entscheidende.

Wer, wenn nicht die Sozialdemokratie kann und muss für dieses Aufstiegsversprechen deshalb weiter arbeiten –mit einem leistungsfähigen öffentlichen Bildungssystem, mit offensiven Schulreformen für mehr Bildungschancen, mit einer nachhaltigen Stärkung von BAföG und Aufstiegs – BAföG, mit klaren Rechten auf Weiterbildung und mit einer gelebten Kultur der zweiten und Dritten Chance. Dem Versprechen vom Aufstieg durch Bildung wieder neuen Elan und neue Wirksamkeit zu geben, wird sich auch in dem neuen Grundsatzprogramm der SPD niederschlagen müssen, das jetzt in die Beratung geht.

Hier hat die SPD – und nicht nur sie – zwischen Godesberg 1959 und dem Hamburger Programm von 2007 bis in die aktuelle Politik in Bund, Ländern und Kommunen hinein ordentlich dazu gelernt, indem sie das programmatische Vorhaben von „Bildung für alle“ mit dem Grundsatz vom „Gemeinsamen Lernen“ und mit der Erkenntnis verbindet, wie wichtig die Förderung der „Bildung von Anfang an“ ist. Z.B. mit dem Ausbau von Eltern-Kind-Zentren zur Stärkung der Familien, mit einer Optimierung der frühen Sprachförderung gegen herkunftsbedingte Benachteiligungen, mit einer nachhaltigen Integration und Inklusion schon im Kindesalter. Wenn wir in unserem Land eine nächste Stufe des „Aufstiegs durch Bildung“ erreichen wollen, dürfen die Anstrengungen jedenfalls nicht erst in der Schule und in der Ausbildung dazu beginnen. Denn die Fundamente für Neugierde und Lernfreude, Anstrengungsbereitschaft und geistiges und soziales Selbstvertrauen werden schon viel früher gelegt. Bei allen Kindern. Und für alle Kinder.

„Bildung macht frei“ für ein selbstbestimmtes, sinnerfülltes Leben.

Gleichzeitig wird immer wieder daran zu erinnern sein, dass Chancengleichheit für Bildung und durch Bildung immer auch mehr gewesen als ein Versprechen für kollektiven wie individuellen Aufstieg. Das geflügelte Worte des Publizisten und Verlegers Joseph Meyer von 1848 und die Ergänzung durch den ebenso wirksamen Leitspruch „Wissen ist Macht“ von Wilhelm Liebknecht von 1872 haben nicht nur den Proletariern ihrer Zeit Mut und Kraft gegeben. Sie haben auch weit darüber hinaus ein Selbstverständnis von Emanzipation und Selbstverwirklichung durch Wissen und Bildung erzeugt und dieses popularisiert, das auch 150 Jahre später noch Gültigkeit hat und wieder mit einer neuen Utopie aufgeladen werden muss. Dies ist der Beitrag von Bildung zu einer Entwicklung und Entfaltung vielfältiger sozial verpflichteter Lebensentwürfe für ein selbstbestimmtes und gleichwohl solidarisches sinnerfülltes Leben, das durch Respekt und Anerkennung getragen wird.

Bildung ist dann immer beides – Wegbereiterin für Chancengleichheit, soziale Durchlässigkeit und Aufstieg und zugleich Grundlage von Selbstbestimmung, Sinnerfüllung und Gemeinwohlorientierung. Die SPD muss für beides stehen. Für Aufstieg durch Bildung ,für eine unbedingte und entschiedene Politik der Förderung von Chancengleichheit, für Bildung als Selbstverwirklichung und als Lebensqualität wie als „Voraussetzung zu kritischer Aneignung der Welt und ihrer Gestaltung“. Das darf nicht gegeneinander gestellt werden, sondern ist unbedingt zusammen zu halten. Anthropologisch wie soziologisch, ökonomisch wie arbeitsbezogen, aufklärerisch wie emanzipativ. So viel Entschlossenheit zur Komplexität muss sein!

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