HILDA LÜHRIG-NOCKEMANN : Rückgabe der Benin-Bronzen
- ein Akt der Gerechtigkeit

8. Mai 2021 // Redaktion

Im zwd-POLITIKMAGAZIN, Ausgabe 383 hat zwd-Chefredakteurin Hilda Lührig-Nockemann in einer Titelgeschichte über dem Kampf um die Rückgabe der 1897 von britischen Kolonialtruppen aus dem Königreich Benin geraubten Artifakten ("Benin-Bronzen") berichtet. Nach langen Jahren der Ignoranz gegenüber Rückgabeforderungen aus Nigeria scheint jetzt der Durchbruch gelungen zu sein. Den Hintergrund zur jetzigen Entwicklung hat die zwd-Chefredakteurin in einem weiteren Bericht in Ausgabe 384 beleuchtet.

AA-Chef Heiko Maas: „Die Rückgabe ist eine Frage der Gerechtigkeit“

von zwd-Chefredakteurin Hilda Lührig-Nockemann

zwd Berlin. Noch am 26. Februar dieses Jahres lehnte der Deutsche Bundestag mit der Mehrheit der Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD das Verlangen der Oppositionsfraktionen FDP, Linke und Grüne ab, endlich dem in der Koalitionsvereinbarung von 2018 gegebenen Versprechen nachzukommen, das koloniale Erbe aufzuarbeiten. Doch jetzt ist in die Sache Bewegung gekommen. Die Rückgabe sei eine Frage der Gerechtigkeit, positionierte sich Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Derweil verhandelte sein Kulturabteilungsleiter Dr. Andreas Görgen in Nigeria.

Das Humboldt-Forum plant zur Wiedereröffnung im Herbst eine Ausstellung mit etwa 200 Benin-Bronzen aus der Sammlung des Ethnologischen Museums – der zweitgrößten nach der des British Museum. Doch die längst bekannten, neu entflammten Forderungen nach Rückgabe der Bronzen, den prominentesten Kulturgütern aus Afrika, haben diese Ausstellung in Frage gestellt. Mit Vehemenz wird eine Antwort von Politik und Museen gefordert.

Im Dezember des letzten Jahres fiel sie für den nigerianischen Botschafter Jusuf Tuggar noch negativ aus, als sein erneutes Schreiben bezüglich der Restitution der geraubten Benin-Bronzen ignoriert wurde, weil sie in den Augen der Beauftragten für Kultur und Medien nicht den „diplomatischen Gepflogenheiten“ entsprochen hatte. Am 26. Februar wurden alle Anträge der Oppositionsfraktionen zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialherrschaft vom Bundestag abgelehnt. Beendet wurde damit die Debatte um die Restitution der „außereuropäischen Objekte“, wie vom Humboldt-Forum die Artefakte aus der Zeit der Kolonialherrschaft bezeichnet werden, nicht. Im Gegenteil, sie hat Fahrt aufgenommen.

SPK 1972: Kein moralischer Anspruch auf Rückgabe

Allerdings mit einem halben Jahrhundert Verspätung! Denn schon bald nach dem sogenannten „Afrikanischen Jahr“ 1960 – 18 Staaten hatten in dem Jahr ihre Unabhängigkeit erlangt – verlangten afrikanische Länder von europäischen Museen die Rückgabe ihrer geraubten Kunst. Ohne Erfolg! Die „Geschichte einer postkolonialen Niederlage“ nahm ihren Lauf. Das dokumentiert die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die seit Jahren für die Restitution afrikanischer Raubkunst streitet, in ihrem im April erschienenen Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“. Zu den Leugner:innen der afrikanischen Ansprüche gehörte damals auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ihr erster Präsident, das ehemalige NSDAP-Mitglied Hans-Georg Wormit, habe 1972 die Ansprüche Nigerias – die Ausleihe ihrer Benin-Bronzen – zurückgewiesen. Darauf bestehe kein „moralischer Anspruch […] die Erwerbungen der Berliner Museen sind von jedem Makel frei“, hieß es in einem Brief des damaligen Chefs der SPK, wie Savoy belegt. Weder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, deren Präsident seit 2008 Prof. Dr. Herman Parzinger ist, noch die 2007 gegründete Benin-Dialog-Group standen bisher nicht für die Rückgabe, sondern für die Leihgabe der geraubten afrikanischen Kunstschätze.

Stiftungsrat 2021: Option für Rückgabe

Nachdem im Bundestag und in den Medien diese Problematik kommuniziert und die Öffentlichkeit sensibilisiert wurde, scheint sich das Blatt zugunsten der nigerianischen Restriktionsforderungen zu wenden. Der vom Bund und den 16 Ländern besetzte Stiftungsrat beauftragte am 24. März den Präsidenten der Stiftung, „zusammen mit den Direktorinnen und Direktoren der anderen ethnologischen Museen in Deutschland, die Benin-Bronzen in ihren Sammlungen bewahren, eine Strategie für ein gemeinsames Vorgehen im Umgang mit den Benin-Bronzen zu entwickeln“. Erstmals hat der Stiftungsrat, in dessen Hand die Entscheidungskompetenz liegt, die Rückgabe von Objekten als Option gesehen. Nicht eindeutig ist Parzingers Stellung in dem Punkt. In rbb bekräftigte er „Wir sagen, dass es zu Rückgaben kommen wird“, schränkte diese Zusage jedoch wieder ein: „Wie kann man erreichen, dass einige Objekte hierbleiben können, als Leihgaben oder in einer anderen Aufteilung? Dies sind die Fragen, die man gemeinsam jetzt mit den Verantwortlichen in Nigeria und Benin City klären sollte.“

29. April: Ende der „Hinhaltetaktik“?

Dass diese bilateralen Gespräche auf Augenhöhe stattfinden werden, wird von Beobachter:innen der Szene in Frage gestellt. Auch Tuggar befürchtet, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitzung eher die kulturelle Hegemonie des Kolonialherren über die Kolonisten verkörpere. Eine eher asymmetrische Beziehung zwischen den deutschen Museen und den betroffenen Ländern wird auch dem von den Museen erarbeiteten „Leitfaden für den Umgang mit Objekten aus kolonialem Kontext“ attestiert. Ob diese Befürchtungen ausgeräumt werden können, wird auch vom Ergebnis des Corona-bedingt digitalen Spitzengesprächs abhängig sein, das Kulturstaatsministerin – auch Vorsitzende des Stiftungsrates – Prof.´in Monika Grütters (CDU) für den 29. April einberufen hat.

Grütters ist es wichtig, „im intensiven Dialog mit den Herkunftsländern zu einer gemeinsamen Strategie zu kommen, die selbstverständlich auch ­Restitutionen einschließen“ solle, heißt es in einer Presseerklärung vom 25. März. Auf dieser Basis soll eine gemeinsame Position von Kultusminister:innen, den Leitungen der betroffenen Museen und des Auswärtigen Amtes erarbeitet werden, um dann mit Nigeria das weitere Vorgehen abzustimmen. Erfolg versprechen sich die Grünen für das angepeilte Spitzentreffen nur, wenn „die Hinhaltetaktik“ jetzt endlich ein Ende habe, mahnt die Grünen-Sprecherin für die Berichterstattung für koloniales Erbe Dr. Kirsten Kappert-Gonther in ihrer Pressemitteilung vom 21. April. Sie konstatiert, Grütters habe ebenso wie die Verantwortlichen des Humboldtforums eine gemeinsame Positionsfindung so lange wie nur möglich herausgezögert. Von Bund und Ländern erwartet die grüne Bundestagsabgeordnete jetzt unmissverständlich „rechtlich verbindliche Rahmenbedingungen und einen klaren Zeitplan“ für eine dauerhafte Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria.

AA-Kulturchef: Diplomatische ­Verhandlungen in Nigeria

Das Auswärtige Amt hat in diesem Kontext Vorarbeit geleistet. Für das Ministerium war im März der Leiter der Kulturabteilung Dr. Andreas Görgen zu diplomatischen Gesprächen in Nigeria. Im Fall der Benin-Bronzen arbeitete er mit einflussreichen Persönlichkeiten – dem Gouverneur von Edo State Godwin Obaseki, dem Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments Prof. Abba Isa Tijani, dem Kronprinzen Ezelekhae Ewuare und dem Direktor von Legacy and Restoration Trust Phillip Ihenacho – an einer Museumskooperation mit dem geplanten Edo Museums of West African Art in Benin-City. „Zu einem aufrichtigen Umgang mit der Kolonialgeschichte gehört auch die Frage der Rückgabe von Kulturgütern. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit“, setzte Außenminister Heiko Maas ein Zeichen für die Restitution.

Rückgabe der Benin-Bronzen vor der Wiedereröffnung?

Ob es jedoch vor oder nach der geplanten Ausstellung der Benin-Bronzen zu Rückgaben kommt, wird vom Generalintendanten des Humboldt Forums und dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Parzinger unterschiedlich eingeschätzt. Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh erwartet, dass es „bis September eine Entscheidung geben wird, was die Rückgabe der als Benin-Bronzen bekannten Skulpturen und Reliefs aus Berlins ethnologischem Museum betrifft“, wie er in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert wird. Ein erneutes deutliches Votum für eine Restitution! Prof. Parzinger dagegen bekräftigte in einem Interview in 3Sat, dass – unabhängig von der Bereitschaft, die Benin-Bronzen zurückzugeben – an deren Ausstellung im Humboldt-Forum festgehalten werde, gerade mit Blick auf die heftigen Diskussionen.

Wenn Worte in Taten umgesetzt werden sollen, muss der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, müssen die Museumsdirektor:innen der insgesamt 25 Museen mit Benin-Bronzen sich dem Aufruf nach Restitution anschließen und muss die Politik endlich die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Dann wäre Deutschland das erste Land, das die für Nigeria Identität stiftenden Bronzen zurückgeben würde. Ob das noch vor der Ausstellungseröffnung gelingen wird, muss zum jetzigen Zeitpunkt mit einem Fragezeichen versehen werden.


UPDATE ZUR ENTSCHEIDUNG VOM 29. April 2021

In einer am 29. April auf der Webseite der Bundesregierung veröffentlichten gemeinsamen Erklärung haben sich die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Leitungen der deutschen Mitgliedsmuseen der „Benin Dialogue Group“, die Kulturministerinnen und -minister der Länder und Vertreter des Auswärtigen Amts darauf verständigt, wie mit den Benin-Bronzen in deutschen Museen umgegangen werden soll. Damit werde eine „historische Wegmarke im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit“ gesetzt, erklärte Kulturstaatsministerin Prof.'in Monika Grütters (CDU), die das Treffen initiiert hatte. Wörtlich fügte Grütters hinzu: „Neben größtmöglicher Transparenz werden vor allem substantielle Rückgaben angestrebt. So möchten wir zur Verständigung und zur Versöhnung mit den Nachkommen der Menschen beitragen, die in der Zeit des Kolonialismus ihrer kulturellen Schätze beraubt wurden. Wir planen erste Rückgaben im Verlauf des Jahres 2022“, so die Kulturstaatsministerin weiter. Dazu soll die „Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland“ bis zum 15. Juni 2021 eine Aufstellung aller im Besitz der Museen befindlichen Benin-Bronzen auf ihrer Webseite öffentlich zugänglich machen.


Lesen Sie auch den Hintergrundbericht im zwd-POLITIKMAGAZIN Ausgabe 383:

TITELTHEMA Vermisst in Benin



Der Umgang mit dem kolonialen Erbe: Das Beispiel der Benin-Bronzen

zwd Berlin. Vermisst in Benin ist der Titel einer künstlerischen Intervention im Dresdner Stadtgebiet – ein Beispiel haben wir auf der Titelseite abgebildet –, mit welcher der 1977 in Nigeria geborenen Sound- und Installationskünstler Emeka Ogboh an die Benin-Bronzen erinnert, die sich im Bestand des Museum für Völkerkunde Dresden befinden. Die Bronzen sind nach der Plünderung durch britische Kolonialtruppen nach Euro-pa gebracht worden, ca. 1.100 befinden sich in deutschen Museen. Ogboh, der seit sechs Jahren in Berlin lebt, macht damit nicht nur die Abwesenheit der Bronzen, sondern auch deren Fehlen als Teil des kultuellen Erbes in Nigeria zum Thema. In der Kulturpolitik ist der Umgang mit dem kolonialen Erbe, speziell die Frage der Rückgabe von Raubkunst, seit Jahren Thema des Bundestages – jetzt durch die Eröffnung des Humboldt Forums wieder von brennender Aktualität. Aber eine Entscheidung des Parlaments ist nicht in Sicht.

Gehört Raubkunst ins Humboldt Forum?

zwd Berlin (no). Alexander von Humdoldt war ein erklärter Gegner des Kolonialsystems. Trotzdem sollen in dem Forum, das nach ihm und seinem Bruder Wilhelm benannt ist, Artefakte ausgestellt werden, die in nicht geringem Umfang Raubkunst aus kolonialen Kontexten darstellen. Mit der Eröffnung des Humboldt Forums ist die Debatte neu entflammt.(ab Seite 15).

Die Benin-Bronzen - Leihgabe oder Rückgabe an das neue Edo Museum of West Africa Art?

zwd Berlin (no). In Benin-Stadt soll nach den Plänen des Stararchitekten David Adjaye (Bild oben) ein neues „Museumsparadigma für Afrika etabliert“ werden – als Identifikationsort mit der nigerianischen Geschichte. Die Arte-fakte, die von der Geschichte des Königreichs Benin zeugen, befinden sich jedoch überwiegend in europäischen Museen. Über deren Rückgabe wird seit Jahren gestritten.(ab Seite 19).

Bundestag mehrmals beschäftigt, aber kein Ergebnis

zwd Berlin (ig). Mehrmals hat sich der Bundestag im Verlaufe der in diesem Jahr zu Ende gehenden Legislaturperiode sowohl im Plenum als auch in den Ausschüssen mit dem Problem der Rückgabe kolonialer Raubkunst beschäftigt. Doch der Gesetzgebungsmotor wurde nicht angeworfen.(Seite 21)

Der Link: Hilda Lührig-Nockemann: Gehört Raubkunst ins Humboldt Forum?



Artikel als E-Mail versenden