d Berlin. Die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Katja Kipping bezeichnete das hohe Armutsrisiko von 28,7 % bei Alleinerziehenden als „besonders alarmierend“.
Das sei „mehr als jede vierte alleinerziehende Person“, hob die frühere Bundesvorsitzende der Linkspartei in einer Stellungnahme zu den aktuellen, vom Statistischen Bundesamt (Destatis) am 03. Februar veröffentlichten Daten hervor. Demnach stieg die Quote dieser Gruppe, in der Frauen immer noch die übergroße Mehrheit (2024: 85 %) bilden, im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 %. Mit Blick auf die Kommission zur Reform des Sozialstaates und die Diskussion, den Unterhaltsvorschuss für alleinerziehende Eltern zu verändern, sieht Kipping die Regierung verpflichtet zu gewährleisten, „dass Alleinerziehende nicht schlechter gestellt“, sondern künftig „besser vor Armut geschützt“ werden.
Der Paritätische: Sozialleistungen armutsfest gestalten
Angesichts der insgesamt auf 161 % gestiegenen Armutsgefährdungsrate mahnte die Geschäftsführerin, jede Maßnahme, die Armut verschärfen könnte, zu unterlassen, anstelle davon seien „Sozialleistungen (...) armutsfest auszugestalten“. Das Risiko von Frauen lag nach den amtlichen Erstergebnissen für 2025 mit 16,6 % um 0,4 Prozentpunkte über dem des Vorjahres und weiterhin mehr als 1 % über dem der Männer, das sich sogar um 0,8 % auf 15,5 % erhöhte. Ebenfalls zugenommen hat die Gefährdung Alleinerziehender durch Armut oder soziale Ausgrenzung (AROPE) mit 44,4 % (2024: 43,6 %). Seniorinnen waren mit 21,5 % nur geringfügig (+ 0,1 %) stärker durch Armut bedroht, junge Frauen mit 26,1 % hingegen etwas seltener (- 0,8 %) als 2024.
Die Grünen: Debatte verunglimpft Teilzeit als „Lifestyle-Entscheidung“
Über die Ursachen für das höhere Armutsrisiko von Frauen sind sich die Fraktionen von SPD, Grünen, Linken und Union eigentlich einig: Sozioökonomische Strukturen sind dafür verantwortlich.
Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion Misbah Khan nannte Frauenarmut im zwd-Interview vom 29. Januar ein „strukturelles Massenphänomen“. Die Sprecherin für Frauenpolitik der Sozialdemokrat:innen Jasmina Hostert führt die „besorgniserregende Entwicklung“ gestiegener Armutsquoten bei Frauen u.a. darauf zurück, dass sie besonders häufig „in schlecht bezahlten Branchen arbeiten“ und „wegen Sorgearbeit ihre Erwerbszeiten reduzieren“. In den Worten der Linken-Politikerin Kathrin Gebel trägt ein derart „geschlechtersegregierter Arbeitsmarkt“ zur stärkeren Gefährdung von Frauen bei. Dadurch, dass sie in Familie und Pflege den Hauptteil der Care-Arbeit leisteten, seien sie „überdurchschnittlich oft in Teilzeit“ oder geringfügig beschäftigt. Daraus resultieren nach übereinstimmender Auffassung der Demokrat:innen weniger Einkünfte, unterbrochene Erwerbsbiografien sowie laut Gebel mehr als ein Drittel niedrigere Rentenansprüche als bei Männern.
Die grüne Fraktionsvize Khan kritisierte, der seit 2023 zunehmende Anteil von durch Armut bedrohten Menschen sei „kein Automatismus“. Stattdessen erkennt sie darin „das Ergebnis einer Sozial- und Wirtschaftspolitik“, die steigende Preise, erhöhte Wohnkosten und unsichere Beschäftigungsverhältnisse „nicht wirksam abfedert“. Die aktuelle – von der Wirtschaftsunion beförderte (Anm. d. Red.) – Debatte um Teilzeitarbeit bewertete die Grünen-Politikerin in diesem Zusammenhang als zynisch. In der Politik werde Teilzeit „öffentlich diskreditiert und als ´Lifestyle-Entscheidung´ diffamiert“. Das stelle einen direkten Angriff „auf die Lebensrealität von Millionen Frauen“ dar. Diese seien nicht aus eigenem Willen in geringerem Umfang erwerbstätig, sondern „weil fehlende Kinderbetreuung, mangelhafte Pflegeinfrastruktur und starre Arbeitszeitmodelle sie dazu zwingen“.

Das Recht auf Teilzeitarbeit infrage zu stellen und gleichzeitig die Bedingungen in diesen Bereichen nicht zu verbessern, bekämpfe nicht den Mangel an Fachkräften, es verstärke erst recht Armut, zementiere Abhängigkeiten und vergrößere die geschlechtsspezifischen Lohn- und Renten-Lücken, so Khan. Von der Bundesregierung forderte sie „verbindliche Schritte“, neben einem „massive(n) Ausbau“ von Kitas, Ganztagsbetreuung und Pflege ähnlich wie SPD und Linke auch „existenzsichernde Löhne und eine echte Aufwertung sozialer Berufe“.
SPD plädiert für erhöhte Investitionen in Kitabetreuung und Schulen

SPD-Familienpolitikerin Hostert betonte im zwd-Kommentar vom 28. Januar, ihre Fraktion nehme die Realität von Frauen ernst und setze deshalb „auf eine gerechte und gezielte Entlastung derjenigen, die Unterstützung brauchen“. Wie die familienpolitische Sprecherin des Koalitionspartners Anne König (Union) tritt sie für erhöhte „Investitionen in Kitas, Schulen und bezahlbares Wohnen“ ein. Z.B. würden aus Sicht von Hostert mehr kostenlose Angebote für Familien und Kinder vor allem Alleinerziehende fördern, was maßgeblich daran mitwirke, dass „Frauen aus der Teilzeitfalle herauskommen“ und in höherem Maße berufstätig sein könnten.
Unions-Politikerin König hob gegenüber dem zwd am 20. Januar hervor, dass zwar deutlich mehr Frauen arbeiten würden als zwei Jahrzehnte vorher, doch „im internationalen Vergleich“ falle der Anteil von ca. 50 % weiblicher Teilzeitkräfte auf. Gerade in Partnerschaften lebende, bundesdeutsche Mütter würden ihren Stundenumfang stärker reduzieren als z.B. französische oder skandinavische. Wie SPD, Grüne und Linke vermutet König, das sei durch weiter ungleich verteilte Haushalts- und Betreuungsaufgaben hervorgerufen, vielfach unter dem Einfluss überkommener Rollenklischees, mit denselben, langfristigen Folgen. Dementsprechend seien Alleinerziehende, die Erwerbs- und Care-Arbeit gleichzeitig übernehmen, von allen Familienformen am stärksten durch Armut bedroht.
Union: Staatliche Rahmenbedingungen weiter verbessern
Nach Ansicht der Unions-Politikerin kommt daher „der frühkindlichen und schulischen Bildung und Betreuung von Kindern“ eine wichtige Rolle zu. Mit dem Ausbau von Kitaplätzen, Investitionen in Fachkräfte und dem Ganztagsrecht für Grundschüler:innen ab 2026 fülle die Koalitionsregierung „eine strukturelle Lücke“, die bisher Eltern, gerade auch Mütter, „in unfreiwilliger Teilzeit“ gehalten habe. Durch die neue Mütterrente, die zum im Januar in Kraft getretenen Rentenpaket gehört und Erziehungsphasen gleichberechtigt anrechnet, würden andererseits Seniorinnen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien in höherem Maße Anerkennung erfahren. „An den staatlichen Rahmenbedingungen“, die Frauen bei Kinderbetreuung entlasten und Sorgearbeit honorieren, „müssen wir weiter beharrlich dranbleiben“, unterstrich König.

Frauenpolitikerin Hostert erklärte, ihre SPD-Fraktion treibe die „wirtschaftliche Gleichstellung“ voran und werde die EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz in ein „echtes deutsches Lohngerechtigkeitsgesetz“ überführen. Frauen müssten „für gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten“. Die SPD verfolge eine Strategie, die sich gegen „strukturelle Ursachen statt Symptome“ wende, erklärte Hostert. Sie würden sich weiterhin dafür engagieren, „gerechte Löhne durchzusetzen, Familien zu entlasten und soziale Sicherungssysteme zu stärken“. Wie die Linken möchten die Sozialdemokrat:innen „mehr Tarifverträge und sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen“, um damit auch eine Abwendung von geringfügigen Beschäftigungen zu erreichen, die zu den erheblichsten Armutsfaktoren bei Frauen gehörten.

Linken-Politikerin Gebel hält eine stärkere Tarifbindung für essenziell, welche „Lohndumping begrenzen“, Gehälter in von Frauen dominierten Branchen anheben und für verlässlichere, daseinsabsichernde Einkünfte sorgen könne. Die grüne Fraktions-Vize Khan verlangte von der Koalition überdies, die Systeme von Rente und Grundsicherung geschlechtergerecht zu reformieren und das sog. Ehegattensplitting abzuschaffen. Ebenso wies Gebel darauf hin, auch Steuern und Transferleistungen würden „ökonomische Abhängigkeiten“ verfestigen. Sie beanstandete, dass das genannte Verfahren ungleicher Besteuerung zusammenveranlagter Ehegatt:innen bis jetzt das Einverdiener:innen- bzw. Zuverdiener:innen-Modell begünstige und die eigenständige Daseinsabsicherung von Frauen erschwere.
Die Linken: Gezielt vulnerable Gruppen unterstützen
SPD, Grüne und Linke sind gemeinsam überzeugt, dass spezifische Maßnahmen zur Unterstützung diskriminierter Frauen zu treffen sind. Hostert schlug vor, „Diskriminierung, Rassismus und Sexismus“ zu bekämpfen, etwa durch eine Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Khan plädierte zugunsten gefährdeter Gruppen, u.a. Migrantinnen und mehrfach benachteiligter Frauen, für gezielte Hilfen, d.h. „armutsfeste Leistungen, bessere Bildungs- und Qualifizierungsangebote und wirksamen Diskriminierungsschutz“. Außer alleinerziehenden Müttern gelten der Linken Gebel von mehrfacher Diskriminierung betroffene Frauen als vorrangig verletzlich, z.B. weibliche Behinderte, Migrantinnen, „rassistisch markierte“ Frauen sowie trans-, inter- und nicht-binäre Personen (TIN).
Sie würden auf dem Erwerbsmarkt verstärkt auf Hürden stoßen, öfter benachteiligt und hätten mit größeren Problemen zu kämpfen, gut bezahlte Stellen zu bekommen sowie Beruf, Fürsorge-Arbeit und eigene Gesundheit zu vereinbaren. Aus diesem Grunde sei es wichtig, „unterschiedliche Formen von Diskriminierung mitzudenken“. Verschiedene von Frauen erlebte Ungleichheiten benötigten „differenzierte politische Antworten (...), anstatt pauschale Lösungen“. Zusätzlich zu Maßnahmen für einfacheres Vereinbaren von Erwerbs- und Care-Arbeit, wie sie SPD, Grüne und Union empfehlen, rechnet Gebel dazu Programme, die sich konsequent an vulnerable Gruppen richten. Nach Meinung von Unions-Politikerin König ist es für Migrantinnen zentral, rasch die deutsche Sprache zu beherrschen. Die Teilnahme an Sprachkursen und Bildungsangeboten steigere nicht allein die Chancen zur Integration, sondern auch wirtschaftlich eigenständig und finanziell abgesichert zu sein.
Laut einer Studie der Bundesstiftung Gleichstellung sind Frauen "aufgrund von Diskriminierung, tradierten Rollenbildern oder aufgrund der ungleichen Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit" durchschnittlich in größerem Maße durch Armut bedroht als Männer. Die über eine längere Zeitdauer reproduzierten geschlechtsbezogenen Ungleichheiten hinsichtlich Bildung und Arbeit, Einkommen und Teilhabe, Autonomie sowie sozialer Anerkennung würden dazu führen, dass „Verwirklichungschancen und Armutsrisiken ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind", urteilen die Autor:innen der am 15. Dezember erschienenen Untersuchung.
Über die Einflussnahme weiterer Kategorien, z.B. Herkunft, Alter, Behinderung oder chronische Erkrankungen, würden sich teilweise noch drastischer ungleichberechtigte Verhältnisse zeigen. Zu den insbesondere durch Armut bedrohten Personen zählt auch die Bundesstiftung Alleinerziehende. Wie Daten von Statista belegen, zogen 2024 ca. 2,3 Mill. Mütter und rund 496.000 Väter ihr(e) Kind(er) allein auf. Dabei seien alleinerziehende Frauen häufiger durch Armut bedroht als Männer, die Risiko-Rate variiere je nach der individuellen bzw. familiären Anfangslage. Aus dem 10. Familienbericht der Bundesregierung von 2025 geht z.B. hervor, dass die Gefährdungs-Quote geschiedener Mütter seit der 1990er-Dekade gesunken, die von getrennt lebenden, alleinerziehenden Frauen aus nicht-ehelichen Partnerschaften jedoch gestiegen ist. Gründe dafür sucht die Bundesstiftung in der fortgesetzten wirtschaftlichen Abhängigkeit von Frauen.
Mehrheit der Frauen ökonomisch abhängig
Bei 56,6 % der Paarbeziehungen verdiene der Mann immer noch mehr als die Frau, bei einem Drittel (33,1 %) seien die Einkünfte ungefähr ausgeglichen, bei Paaren mit Kindern würden sich die Unterschiede noch verstärken, nur bei 7,8 % bringe die Frau das Haupteinkommen in die Partnerschaft. „Gut die Hälfte der beschäftigten Frauen in Deutschland verdient nicht genug, um ihre eigene Existenz über den Lebenslauf zu sichern“, heißt es in einer anderen Studie der Gleichstellungsstiftung (2025). 70 % der erwerbstätigen Frauen wären demnach mit ihrem derzeitigen Einkommen nicht imstande, längerfristig sowohl für sich als auch ihr(e) Kind(er) zu sorgen. Ebenso sind ab 65-jährige Frauen gemäß Eurostat mit über einem Fünftel stärker betroffen, 5 % mehr als gleichaltrige Männer. Dabei waren ostdeutsche Seniorinnen 2024 nach Daten von Destatis mit 19,1 % etwas weniger durch Armut bedroht als westdeutsche (22 %), übertrafen aber trotzdem die Raten der Männer im Osten (17,6 %) wie im Westen (16,8 %).

Die Geschlechter-Differenz bei Armutsgefährdung älterer Personen bringen die Forscher:innen u.a. mit dem Gender Pension Gap in Verbindung, der geschlechtsbezogenen Lücke zwischen den Alterseinkünften, die 2024 25,8 % zuungunsten der Frauen betrug. Diese Kluft sei wiederum auf ungleich aufgeteilte Sorgearbeit zurückzuführen. Dadurch seien Frauen ab 30 Jahren, wenn sie typischerweise Familien gründen, seltener oder weniger erwerbstätig und hätten geringere Einkommen, aus denen sich für sie auch niedrigere Rentenansprüche ableiten würden. In früheren Lebensphasen geleistete Fürsorgearbeit steigere die Einkünfte von Rentnerinnen kaum. Als Maßnahmen, um das Armutsrisiko einzudämmen, schlagen sie vor, Frauen wirtschaftlich unabhängiger zu machen, z.B. durch Reduzieren der Lohnlücke, durch steuerliche Gleichstellung aller Partnerschafts- und Familienformen, leichtere Zugänge zur Bildung und Aufstiegschancen unabhängig vom Geschlecht. Weiterhin solle man vulnerable Gruppen, wie Alleinerziehende, Seniorinnen, Migrant:innen und Schulabbrecher:innen, berücksichtigen.
Bildungsstufe für Armutsrisiko erheblich von Einfluss
Der Bildungsstand wirkt sich nach Aussagen der Bundesstiftung statistisch erheblich auf die Armutsgefährdung aus: Frauen wie Männer mit geringer Bildungsstufe weisen ein ungefähr dreifaches Risiko im Verhältnis zu Personen mit höherer Bildung auf. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind in dem Bereich sichtbar: Frauen mit niedrigerem Bildungsgrad waren 2024 mit 36,7 % (Eurostat) etwas mehr von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht als Männer (36,0 %), auch Teilnehmerinnen an tertiärer Bildung (13,3 %, Männer: 10,8 %).
ARB: Teilzeitrate senkt Einkünfte bei jüngeren Frauen – Paritätischer: Familienpolitische Leistungen ausbauen
Wie der am 12. Dezember im Parlament vorgelegte Armuts- und Reichtumsbericht (ARB) der Bundesregierung bekräftigt, beeinflussen Bildung und Kinderzahl sowohl die Verläufe bei Erwerbsarbeit als auch Einkünften. Grundsätzlich seien 30- bis 40-Jährige desto mehr am Berufsleben beteiligt, je länger ihre Bildung gedauert hat, eine Korrelation, die "besonders bei Frauen deutlich ausgeprägt" sei. Auf der untersten Bildungsstufe seien 50 % der Arbeitnehmerinnen erwerbstätig, auf der mittleren 60 % und auf der höchsten 70 %. Nach der Kindererziehung würden die 40- bis 50-jährigen Frauen mit längeren Bildungsgängen mehr am Berufsleben teilnehmen als andere. Z.B. seien in den 1980er Jahren geborene Frauen mit 15 oder mehr Jahren Berufsausbildung oder Studium zu über 90 % erwerbstätig.
Junge Erwachsene am stärksten bedrohte Altersgruppe
Bei Frauen in der mittleren Lebensphase sei kein Zeitabschnitt hoher Erwerbsbeteiligung zu beobachten wie bei Männern. Wenn Frauen gewöhnlich Kinder bekommen oder über die ersten Jahre betreuen, sinken statistisch die Erwerbsraten. Später steigen sie zwar wieder an, bis auf die ersten Arbeitsjahre ist aber durchgängig ein höherer Anteil Männer berufstätig als Frauen. Durch alle untersuchten Kohorten hindurch haben Teilzeitquoten bei 20- bis 40-jährigen Frauen zugenommen. Diese betrugen bei zwischen 1970 und 1979 geborenen Frauen noch 55 %, bei den Jahrgängen1980 bis 1989 schon 70 %. Durch beide Faktoren habe sich der Abstand zwischen Erwerbseinkommen der Geschlechter trotz erhöhter Rate weiblicher Berufstätiger über Generationen hin wenig verringert. Diese nimmt mit größerer Kinderzahl ab: Rund 60 % der Mütter mit einem Kind, doch lediglich 20 bis 30 % der Frauen mit drei und mehr Kindern sind berufstätig. Durch vergleichbaren Bildungsstand und mehr Erwerbstätigkeit hätten sich die Geschlechter-Unterschiede zwischen Alterseinkünften reduziert. Dennoch prognostiziert der ARB, dass „durch die geringe Erwerbsquote, den höheren Anteil an Teilzeitbeschäftigung und im Durchschnitt niedrigere Löhne das individuelle Alterseinkommen von Frauen unter dem von Männern verbleibt“. Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vom April 2025 identifiziert junge, 18- bis 25-jährige Frauen als nach Lebensalter am stärksten armutsgefährdete Bevölkerungsgruppe, gefolgt von gleichaltrigen Männern und Seniorinnen ab 65.
Paritätischer: Massive Armutsgefährdung Studierender
Viele junge Erwachsene hätten sich in beruflicher Ausbildung befunden, überdies habe der Paritätische in Forschungsarbeiten auf das "massive Problem der Armut unter Studierenden" hingewiesen. Der Wohlfahrtsverband empfiehlt u.a., familienpolitische Leistungen auszubauen und staatliche Hilfen für Eltern mit Kind(ern) so auszugestalten, "dass keine Familie wegen ihrer Kinder in Armut leben muss". Der Verband rät auch, die Rentenversicherung armutsvermeidend zu organisieren, mit auf über die Hälfte angehobenem Rentenniveau und gesetzlicher, armutsfester Mindestrente, sowie über eine BAföG-Reform für Auszubildende und Student:innen "ein menschenwürdiges Existenzminimum" sicherzustellen.
Ost-Frauen häufiger berufstätig, Erfolge durch Elterngeld
Differenzen lassen sich dem ARB zufolge zwischen Ost und West erkennen. 30- bis 40-jährige ostdeutsche Frauen sind öfter berufstätig als die aus Westdeutschland, obwohl die Mitte 40-Jährigen der 50er und 60er Generation mehr Kinder gebaren als die gleichaltrigen Westlerinnen. Dass Frauen der 1980er Jahrgänge, wenn sie ein Kind zur Welt gebracht haben, rascher ins Berufsleben zurückkehren, wertet der ARB als mögliche Folge der seit 2000 durchgeführten familienpolitischen Reformen. 2007 wurde das Elterngeld in verschiedenen, kombinierbaren Varianten eingeführt, um Familieneinkünfte zu erhöhen. Seitdem seien statistisch Fortschritte ablesbar: Mit 45 % waren 2024 erheblich mehr Mütter mit einem jüngsten Kind von ein bis zwei Jahren erwerbstätig, verglichen mit 34 % am Beginn der staatlichen Familienleistung. Ähnlich waren 66 % der Frauen mit einem jüngsten, zwei- bis unter dreijährigen Kind wieder ins Arbeitsleben eingetreten, gegenüber 45 % 17 Jahre vorher. Gleichzeitig stieg die Beteiligung von Vätern, die Elterngeld in Anspruch nehmen, von anfänglich 3 % auf 46,3 % 2022. Das Evaluieren des ElterngeldPlus habe gezeigt, dass Eltern seit der Inanspruchnahme Kinder in gesteigertem Maße partnerschaftlich betreuen.
Migrantinnen tragen mehr als zweifaches Armutsrisiko
Eine hohe Armutsrisikoquote besitzen nach Zahlen von Destatis Frauen mit Migrationshintergrund. Wenn sie selbst migriert sind, erlitten 2024 28,3 % relative Einkommensarmut (Männer: 26,5 %). Im Verhältnis dazu liegt die Rate für Frauen ohne Migrationshintergrund bei weniger als der Hälfte (12,5 %, Männer: 11,1 %). Auch unter Migrant:innen sind nach Aussagen der Gleichstellungs-Studie die geschlechtsbezogenen Unterschiede u.a. durch ungleich verteilte Erwerbs- und Care-Arbeit verursacht, würden noch verschärft "von einem strukturell durch Diskriminierung und Rassismus eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt" sowie von "fehlender Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse und Sprachbarrieren". Der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) stellte bei sog. "rassistisch markierten Personen" auch bei Vollzeitarbeit und hoher Bildungsstufe eine stärkere Armutsgefährdung fest als bei der übrigen Bevölkerung. Bei Musliminnen ermittelte NaDiRa für 2022 eine Rate von 38 % (Männer: 41 %), bei Asiatinnen von 26 % (Männer: 30 %), bei Schwarzen Frauen ebenfalls von 26 % (Männer: 26 %). Vollzeittätigkeit senkte die Quote zwar, diese blieb aber ca. viermal so hoch wie bei der nicht-markierten Vergleichsgruppe. Das größte Risiko trugen Schwarze Frauen mit 22 %, Muslime (21 %) und Asiat:innen (19 %). Mit Meister-Qualifizierung, Hochschulstudium oder Promotion stellten sich vor allem muslimische, asiatische und Schwarze Männer als verstärkt armutsbedroht heraus. Am 7. ARB beteiligten sich 15 wissenschaftliche Gutachter:innen und ein Berater:innenkreis aus staatlichen Stellen und Nichtregierungs-Organisationen, u.a. Deutscher Frauenrat, DGB und Paritätischer Wohlfahrtsverband, außerdem wurden Personen mit Armutserfahrung einbezogen.
Quelle (in der Reihenfolge des Erscheinens im Text): Wikimedia/ Superbass, Wikimedia/ Bernd Stoll, DBT/ Inga Haar, Unions-Bundestagsfraktion/ Tobias Koch, Kathrin/ Nicklas Kurzweil
Grafiken: Destatis, Eurostat EU SILC 2025/ eigene Darstellung, Destatis, Eurostat EU SILC 2026, 2025/ eigene Darstellung, Destatis 2025, 2024/ eigene Darstellung