DRITTER GANZTAGSFÖRDERBERICHT 2025 : GEW macht sich für pädagogische Qualität beim Ganztag stark

20. Dezember 2025 // Ulrike Günther

Knapp zwei Drittel der Eltern bundesweit haben sich 2024 eine ganztägige Betreuung ihres Grundschulkindes gewünscht, ein Prozent mehr als im Vorjahr. Das zeigt der aktuelle Ganztagsförderbericht (GaFöG). Zwar nutzen mehr Grundschüler:innen die Angebote, die Bedarfslücke bleibt jedoch weiter bestehen. Die GEW mahnt, dass beim fortschreitenden Ausbau der Kapazitäten teilweise die Qualität sinkt und sich die Kluft zwischen Bundesländern verschärft. Sie fordert, dem Fachkräftemangel durch Weiterbildung entgegenzuwirken.

Für die GEW spielt beim Ganztag auch die Qualität der Angebote eine Rolle. - Bild: pexels/ Yan Krukov
Für die GEW spielt beim Ganztag auch die Qualität der Angebote eine Rolle. - Bild: pexels/ Yan Krukov

zwd Berlin. Nach längerer Stagnation hat sich laut GaFöG-Bericht der Ganztagsbedarf für Grundschüler:innen 2024 erstmals wieder erhöht. Mit insgesamt 65 Prozent der Mütter und Väter äußerte ein Prozent mehr als im Vorjahr den Wunsch, für ihr Kind Ganztagsangebote in Anspruch zu nehmen, heißt es in dem am Mittwoch als Unterrichtung durch die Bundesregierung (Drs. 21/ 3295) im Parlament veröffentlichten Report. Das Interesse an Betreuung der durchschnittlich Sechs- bis Zehnjährigen über Mittag, d.h. bis 14.00 Uhr, stieg demnach nochmals um einen Prozentpunkt (auf 12 Prozent).

57 Prozent der Grundschulkinder im Ganztag betreut

Nach Angaben des GaFöG-Berichts nutzten 2024 rund 1,9 Millionen Grundschüler:innen ganztägige Angebote an Bildung und Betreuung in Ganztagsschulen, Tageseinrichtungen oder anderen Betreuungsformen, ein Zuwachs um 3,8 Prozent (+ 69.000) im Vorjahresvergleich. Im Verhältnis zur Gesamtpopulation dieser Altersgruppe beteiligten sich im Schuljahr 2023/ 24 ca. 57 Prozent der Kinder am schulischen oder außerschulischen Ganztag, 1 Prozent mehr als 2022/ 23. Wie bei den beiden Vorgänger-Reporten erstellte im Auftrag der Bundesregierung den diesjährigen GaFöG-Bericht das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos AG zusammen mit dem Institut für Theorie und Empirie des Sozialen (ITES).

GEW fordert Fokus auf Qualifizierung von Beschäftigten

Die GEW begrüßt in einem Kommentar die im dritten GaFöG-Report attestierten Fortschritte beim Ausbau der Ganztagsbetreuung, befürchtet jedoch sinkende pädagogische Qualität durch Mangel an Fachkräften, eine unzulängliche Datenlage und zu wenig verlässliche Strukturen. Der Ganztag dürfe „nicht zu einem reinen Betreuungsprogramm werden“, betonte das GEW-Vorstandsmitglied Jugendhilfe Doreen Siebernik. Die Kinder hätten ein Recht „auf gute Bildung, (…) stabile Beziehungen und (…) qualifiziertes Personal“.

Die GEW warnt davor, dass sich die Kluft zwischen Ländern und Regionen absehbar weiter verschärft. Angesichts von Geburtenrückgängen einerseits, Fachkräftemangel andererseits forderte Siebernik, den Fokus auf „Qualifizierung und Weiterbildung der Beschäftigten“ zu setzen. Der GaFöG-Bericht konstatiert hinsichtlich der Inanspruchnahme der Angebote durch Schüler/innen ein erhebliches Ost-West-Gefälle: Während in Ostdeutschland 84 Prozent den Ganztag besuchten, lag die Rate im Westen bei nur 51 Prozent.

Prien für weiteren Ganztagsausbau und kindgerechte Betreuungsplätze

Bundesfamilienministerin Karin Prien (Union) erkennt in der ganztägigen Betreuung „eine große Chance, um Kinder unabhängig vom Hintergrund der Eltern zum Bildungserfolg zu führen“. Für Kinder stelle ein moderner Ganztag einen „Lern- und Lebensort“ dar und ermögliche „bessere Teilhabe“, erklärte Prien anlässlich des Kabinettsbeschlusses zum GaFöG-Bericht vom 03. Dezember. Gleichzeitig erlaubten die Ganztagsangebote insbesondere Müttern, Beruf und Familie leichter zu vereinbaren. Die Ministerin appellierte an Bund, Länder und Kommunen, gemeinsam den Ganztag weiter auszubauen und kindgerechte Betreuungsplätze zu schaffen, um zwischen vorhandenen Angeboten und Elternbedarfen vorfindliche Lücken zu beseitigen.

Statistische Datenlage beim GaFöG immer noch unzureichend

Das Mitglied im GEW-Vorstand Schule Anja Bensinger-Stolze gab zu bedenken, bloß durch eine zuverlässige Begleitung von Kindern durch Schule bzw. Jugendhilfe würde „der Rechtsanspruch auch zu einem Rechtsanspruch auf gute Bildung“. Bensinger-Stolze forderte von Ländern wie Kommunen, diese müssten nach den Milliardeninvestitionen des Bundes „mit nachhaltiger Personalpolitik, tarifgerechter Bezahlung und verbindlichen Qualitätsstandards“ ihren Anteil zur Ganztagsbildung beitragen. Darüber hinaus bemängelte die GEW eine immer noch unzureichende Datenlage. Man brauche eine bundesweite Gesamtstatistik, an welcher sich der tatsächliche Bedarf an Personal ablesen lasse, um den Rechtsanspruch sicher umsetzen und die Finanzmittel effizient verwenden zu können.

Außerdem tritt die Erziehungsgewerkschaft dafür ein, pädagogische Qualität für den weiteren Ganztagsausbau als „zentrale Leitlinie“ gesetzlich festzuschreiben. Dazu zählt sie multiprofessionelle Teams, genug zeitlichen Freiraum für Kooperation und gute Arbeitsbedingungen. Ebenso sollte es Kindern und Eltern möglich sein, die Ganztagsbetreuung mitzugestalten. Nach Aussagen der Regierung lässt sich auf Grundlage der herangezogenen Statistiken der Kultusministerkonferenz sowie der Kinder- und Jugendhilfe die Anzahl der am Ganztag teilnehmenden Grundschüler:innen lediglich näherungsweise bestimmen. Für die ab 01. März 2024 per Gesetz vorgesehene GaFöG-Statistik, welche die Entwicklung beim Ganztagsausbau genau nachzeichnen soll, lieferten bloß einzelne Länder die erforderlichen Daten.

Ausbaubedarf bei Ganztagsangeboten hat sich reduziert

Bei gleichbleibendem Ganztagsbedarf prognostiziert der GaFöG-Bericht bis 2026/ 27 rund 166.000 zusätzlich benötigte Plätze, bei einem Anstieg der Betreuungswünsche von Eltern um 10 Prozent fehlen nach den Berechnungen noch ca. 284.000 Plätze. Für das Schuljahr 2029/ 30, wenn alle Schüler:innen der 1. bis 4. Klasse einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztag haben, veranschlagt der Report eine Lücke im bundesweiten Angebot von 190.000 bis 339.000 fehlenden Betreuungsplätzen. Allein für die Erstklässler:innen, die zum Beginn des Rechtsanspruchs 2026/ 27 zur Schule kommen, beläuft sich die Zahl noch bereitzustellender Ganztagsplätze je nach zugrunde gelegter Bedarfslage auf 30.000 bzw. 65.000. Gegenüber den Vorhersagen aus den GaFöG-Berichten 2023 bzw. 2024 (bei konstanter Nachfrage 393.000 bzw. 271.000 Plätze) hat sich somit der Ausbaubedarf bis zum genannten Schuljahr deutlich reduziert.

Von den 3,5 Mrd. Euro Finanzhilfen aus dem Investitionsprogramm, die der Bund zwischen 2020 und – nach der im Juli beschlossenen Fristverlängerung (zwd-POLITIKMAGAZIN berichtete) - 2029 für den Ganztagsausbau zur Verfügung stellt, waren gemäß GaFöG-Bericht bis zum 28. August 49,5 Prozent bewilligt, mit starken regionalen Unterschieden. Zusätzlich werden für die Länder die anfallenden Betriebskosten durch eine geänderte, vertikale Umsatzsteuerverteilung mit von 2026 bis 2030 stufenweise aufsteigend jährlich 135 Mill. Euro bis 1,3 Mrd. Euro ausgeglichen.

Eltern wünschen sich flexiblere, an Bedarfe angepasste Angebote

Die im Rahmen des Reports befragten Länderverantwortlichen gaben an, bis 2026/ 27 voraussichtlich entsprechend den Bedarfen ganztägige Betreuungsplätze anbieten zu können. Die als Themenschwerpunkt in die Studie einbezogenen Eltern lobten den Ganztag u.a. als wichtiges Element des Familienlebens, dieser entlaste besonders Erwerbstätige und Alleinerziehende, unterstütze nicht bloß bei der Betreuung, sondern auch bei der Bildung der Kinder und gewähre eine unkomplizierte Kommunikation mit Fachkräften in technischen Fragen. Sie kritisierten bei Personalengpässen mangelnde Betreuungssicherheit und ein verringertes Angebot, durch teilweise feste Öffnungszeiten eher unflexible, nicht an Bedarfe angepasste Gestaltung und nicht hinreichend gut organisiertes bzw. qualitativ unzulängliches Schulessen.

Schwerpunkt im Osten auf Qualität, im Westen auf Quantität

Wie die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum Bericht hervorhebt, wird der Ganztagsbedarf in den östlichen Bundesländern und Hamburg schon jetzt fast ganz gedeckt, was auf das umfangreichere Betreuungsangebot für Grundschulkinder und einen teilweise langjährigen geltenden Rechtsanspruch zurückzuführen sei. Für die westlichen Bundesländer verzeichnet der Report hingegen eine heterogene, eher langsame Entwicklung bei der Inanspruchnahme des Ganztags. Legen ostdeutsche Regionen folglich bevorzugt Wert darauf, die Qualität der Angebote zu verbessern, hat für die westdeutschen Länder Vorrang, die ganztägige Betreuung quantitativ auszubauen. Um künftig ein dem Bedarf angemessenes Ganztagsangebot zu gewährleisten, empfiehlt die Regierung, die derzeitige Geschwindigkeit beim Betreuungsausbau beizubehalten und in den westlichen Regionen die vom Bund geförderten Maßnahmen auf Länder- und kommunaler Ebene mindestens auf der erreichten Stufe fortzuführen.

Artikel als E-Mail versenden