zwd Berlin. Über 255.000 Vereine, Gewerkschaften, Institute, Forschende und andere haben inzwischen die Online-Petition „Schule zeigt Haltung – Lehrkräfte stärken gegen Hass und Hetze“ unterzeichnet. Sie appellieren an die Kultusministerien, Lehrer:innen und pädagogische Fachkräfte zu stärken, ihren Auftrag zur Demokratiebildung zu erfüllen – mit eindeutigen Leitlinien zur grundgesetzlichen Pflicht, „Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aktiv zu verteidigen“, Rechtssicherheit bei Vorwürfen oder Bedrohungen, Strukturen für Beratung ebenso wie mehr Ressourcen.
GEW: Demokratielernen braucht mehr Unterrichtszeit
„Demokratiebildung findet an den Schulen zu spät, zu wenig und vor allem kaum auf den Unterricht (…) selbst bezogen statt“, konstatierte das GEW-Vorstandsmitglied Schule Anja Bensinger-Stolze anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung am Dienstag. Wenn von den befragten Lehrkräften knapp die Hälfte (48 Prozent) bestätigt habe, man müsse in ihrer Schule mehr für demokratische Bildung tun, und von diesen rund drei Viertel (73 Prozent/ 87 Prozent in mehr/ weniger sozial benachteiligten Klassen) fehlende Unterrichtszeit als Grund dafür genannt hätten, dass diesbezügliche Maßnahmen bloß eingeschränkt umgesetzt würden, sei laut Bensinger-Stolze „mehr Zeit für Demokratie“ zu schaffen.
Weitere Ursachen für unzureichendes Demokratielernen erkennen die Lehrer:innen in mangelndem Fachwissen (37 Prozent/ 43 Prozent) bzw. Interesse (31 Prozent/ 33 Prozent) in ihrem Kollegium sowie fehlenden Materialien (3 Prozent/ 29 Prozent). Das forsa Institut für Sozialforschung befragte vom 11. November bis 02. Dezember im Auftrag der Robert Bosch Stiftung bundesweit 1.547 Lehrkräfte an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen u.a. über Herausforderungen, Demokratiebildung und Belastungen.
Schüler:innen sollten Demokratie in praktischer Beteiligung erfahren
Die Erziehungsgewerkschaft, welche die erwähnte Petition u.a. gemeinsam mit Teachers for Future, Greenpeace und der Bundesschülerkonferenz vor über einem halben Jahr initiierte, ruft dazu auf, Demokratiebildung zum zentralen Thema der Schulpolitik zu machen. Doch nicht allein, um rechtsextremistischen Tendenzen, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder Fake-News entgegenzutreten, sei das empfehlenswert, sondern auch zur Vorsorge vor Frust und Konfliktsituationen im schulischen Umfeld. GEW-Vorstandsmitglied Bensinger-Stolze betonte, neben dem Lernen von Demokratie sollten Kinder und Jugendliche diese auch in praktischer Beteiligung erfahren, von Feedbacks während des Unterrichts bis zur gleichberechtigten Vertretung in Schulkonferenzen. Dabei sind aus Sicht der GEW-Bildungsfachfrau auch die Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Demokratiebildung müsse stärker in Lehrplänen verankert werden, brauche mehr Ressourcen und Lernräume sowie Personal, um die demokratische Schulentwicklung voranzubringen.
GEW und VBE fordern Unterstützung bei politischer Bildung
Als besonders alarmierend bezeichnete Bensinger-Stolze das Umfrageergebnis, wonach weit mehr als ein Viertel der Lehrer/innen (28 Prozent) glaubt, sie dürften politische Themen im Unterricht nicht behandeln, um eine vermeintlich ihnen auferlegte neutrale Haltung zu gewährleisten. Wie der VBE und die Petent:innen für Demokratieschutz forderte sie daher Aufklärung und Unterstützung. Der VBE-Vorsitzende Tomi Neckov hob ebenfalls hervor, in welch beunruhigendem Maße sich Lehrkräfte nach Angaben der Studie verunsichert fühlen, wie sie mit Äußerungen politischer Meinungen umzugehen hätten. Hier sei „fachlich fundierte, demokratische Orientierung“ nötig. Lehrkräfte hätten den Auftrag, „demokratische Werte zu vermitteln“ und Schüler:innen zu befähigen, eigene Ansichten herauszubilden. Dafür bräuchten sie Rückenstärkung durch Gesellschaft und Politik.
Anders als vielfach behauptet, seien Lehrer:innen nach Auffassung von Neckov nicht durch ein vorgebliches Neutralitätsgebot gebunden, stattdessen verpflichtet, „sich demokratiefeindlichen, herabwürdigenden und menschenfeindlichen Entwicklungen“ entgegenzustellen. Gemäß Schulbarometer sind ostdeutsche Lehrkräfte durch eine solche, nach ihrer Meinung geforderte Neutralität stärker verunsichert (27 Prozent) als westdeutsche (18 Prozent), Lehrende in Klassen mit über einem Viertel sozio-ökonomisch benachteiligter Schüler:innen mehr (21 Prozent) als in Schulklassen mit weniger unterprivilegierten Kindern (16 Prozent).
Die Linke: Multiprofessionelle Teams gehören an alle Schulen
Die bildungspolitische Sprecherin und Vize-Vorsitzende der Linksfraktion Nicole Gohlke unterstrich, Lehrkräfte würden überfordert, wenn sie andauernd „Lücken im System“ ausgleichen sollten. Sie leitete aus den Studienergebnissen ab, multiprofessionelle Teams mit Schulsozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen und Pädagog:innen sollten flächendeckend an allen Schulen vorhanden sein. Gohlke appellierte an die Bundesregierung, das sog. Kooperationsverbot abzuschaffen, demzufolge Bildungspolitik von den Bundesländern verantwortet wird, und Schulen „gemäß ihrer Bedarfe (…) statt nach Kassenlage der Länder“ auszustatten.
Insgesamt macht das Schulbarometer nach Aussagen der Bildungsfachfrau der Bosch Stiftung Dr. Katharina Thoren deutlich, dass Lehrkräfte im Berufsalltag verstärkt strapaziert sind. Dazu würden Faktoren wie „Heterogenität, Arbeitsbelastung und Zeitmangel, bildungspolitische Rahmenbedingungen und Bürokratie“ beitragen. Thoren gibt jedoch zu bedenken, man dürfe es Schulen und Lehrkräfte nicht überlassen, gesellschaftliche Aufgaben zu lösen. Zahlreiche Herausforderungen, mit denen Lehrer:innen im Berufsalltag konfrontiert seien, wie „Belastungen durch Armut, psychische Erkrankungen, bürokratische Hürden“ würden außerhalb der Bildungsorte entstehen und „müssen dort bekämpft werden“
Verhalten von Schüler:innnen stellt Lehrer:innen vor Herausforderungen
Angesichts der „besorgniserregenden“ Resultate zu schwierigem Verhalten und psychischen Problemen von Schüler:innenn bzw. Belastungen von Lehrer:innen setzte sich GEW-Vorstandsmitglied Bensinger-Stolze für „gesunde Schulen“ ein. Wohlbefinden und Arbeitsbedingungen seien als „Kriterien für Schulqualität“ anzuerkennen. Nach Daten der Studie beurteilen 46 Prozent der Lehrkräfte das Betragen von Schüler:innen als größte Herausforderung, darunter schwieriges Sozialverhalten (25 Prozent), fehlende Motivation (13 Prozent) und psychische Probleme (7 Prozent). Obwohl die überwiegende Mehrheit der Lehrer:innen (83 Prozent) mit ihrer Arbeit (eher) zufrieden ist, leiden zwei Drittel (66 Prozent) regelmäßig, d.h. mehrfach im Monat, unter emotionaler Erschöpfung, bei über einem Drittel ist das sogar mehrmals wöchentlich (24 Prozent) bzw. täglich (12 Prozent) der Fall.
Bensinger-Stolze verlangte deshalb, den Stundenumfang zu reduzieren und Schule besser mit Personal – Lehrer:innen, Erzieher:innen, Fachkräften aus Schulsozialarbeit und -psychologie – zu versorgen. Wie die Studie belegt, sind Lehrkräfte bei Problemen mit gewalttätigen Schüler:innen und in Klassen mit vielen Kindern aus einkommensärmeren Familien etwas stärker emotional erschöpft, während eine kooperative Schulkultur und unterstützende Schulsozialarbeit diese Belastung tendenziell verringern.
Lehrkräfte beanstanden fehlende Förderangebote bei Problemlagen
Als zweitgrößte Herausforderung im Schulalltag bewerteten die Lehrer:innen die heterogene Zusammensetzung der Schulklassen (34 Prozent). Fast ein Fünftel (19 Prozent) schätzte Förderangebote für leistungsschwächere Schüler:innen, zwei Fünftel sprachliche Lernhilfen (40 Prozent), über zwei Drittel Stärkung ethnisch-kultureller Identität (67 Prozent) als höchstens ausreichend ein. 30 Prozent der Befragten erklärten, ihnen fehlten die Kenntnisse, wie sie Kinder mit unterschiedlichem sozialen, sprachlichen oder kulturellen Hintergrund ins Lerngeschehen einbeziehen können.
Außerdem lässt sich aus den Umfrageergebnissen ablesen, dass fast die Hälfte der Lehrkräfte ihre Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) als (eher) sicher (48 Prozent) bewertet, 52 Prozent setzen KI mindestens mehrmals monatlich ein, bevorzugt um Aufgaben zu formulieren (64 Prozent), unterstützend für die Unterrichtsplanung (58 Prozent) oder zum Erstellen von Leistungskontrollen (36 Prozent). Potenziale sehen 59 Prozent der Lehrer:innen in individualisierter Unterstützung beim Lernen und 31 Prozent in gerechteren Chancen, (eher) negative Einflüsse befürchten 67 Prozent z.B. für soziale bzw. kommunikative Fähigkeiten. Rund die Hälfte der Lehrkräfte hält Schulungen hinsichtlich von KI (52 Prozent) und zum Umgang mit durch psychische Probleme belasteten Schüler:innen für erforderlich, über ein Drittel (35 Prozent zum Verwenden digitaler Medien im Unterricht. 30 Prozent würden sich gern zu Ansätzen für individualisiertes Lernen weiterbilden, 19 Prozent zu fächerübergreifenden Fähigkeiten wie Kreativität, Problemlösen und kritischem Denken.