Stoppt den Dobrindt: Die Integrationskurse und das „Gesamtprogramm Sprache“ müssen bleiben
Die Wissenschaft meldet sich nachdrücklich zu Wort
Die Integrationskurse zur Förderung von Sprache, Teilhabe und Berufschancen sollen bekanntlich massiv zurück gefahren werden. Da ist der offenen Brief, den über 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Feld Deutsch als Fremd- und Zweitsprache von 55 Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen aus allen 16 Bundesländern kürzlich an den Bundesinnenminister geschrieben haben, eine große Hilfe, machen sie doch in wissenschaftlich belegter Eindringlichkeit auf die fatalen Konsequenzen der Beschränkungen beim Zugang zu Integrationskursen und einen Abbau von Förderwegen aufmerksam. Mit Recht weist der offene Brief aus der Wissenschaft auf die Paradoxie hin, dass die Bundesregierung einerseits hohe Summen für die internationale Fachkräfteanwerbung ausgibt, andererseits aber das Potenzial der Menschen, die bereits hier sind und nach Bildung und Arbeit streben, durch den Entzug von Sprachförderung leichtfertig vergibt. Dazu heißt es in dem Aufruf der 160: „Wir beobachten mit großer Sorge, dass das vor zwei Jahrzehnten unter dem Motto „Sprache als Schlüssel“ ins Leben gerufene Prinzip des “Förderns und Forderns” zunehmend zu einem Fordern ohne Fördern erodiert.“
Nach zwei Jahrzehnten Fortschritt droht jetzt das Rollback
Daran muss noch einmal erinnert werden: Ermöglicht wurde der Aufbau des Integrationskurssystems durch das neue Zuwanderungsgesetz in der SPD – B 90/ Die Grünen Regierungszeit von Gerhard Schröder und seinem Innenminister Otto Schily ab dem 1.1.2005.10 Jahre später wurden während der Zeit des 3. Kabinetts von Angela Merkel dann gezielte Erweiterungen der Zugangs- und Fördermöglichkeiten vorgenommen und 2016 wurden im Rahmen des “Gesamtprogramms Sprache” u.a. die sog. Berufssprachkurse eingeführt. In der Regierung von Olaf Scholz lässt sich dann 2024 ein erster Rückbau des Integrationskurssystems feststellen durch die Abschaffung der (kostenfreien) Wiederholungsmöglichkeit. 2026 jetzt also der brutale Einschnitt. Wenn geschätzt 40% der (Neu-) Zugewanderten zukünftig nicht mehr teilnahmeberechtigt sind (Mediendienst Integration 2026), muss perspektivisch entsprechend fast die Hälfte der Integrationskurse bei den Trägerinstitutionen gestrichen werden. Dies trifft am Ende auch jene, die selbst für ihre Sprachbildung in Höhe von rund 1600 Euro bezahlen wollen. Ganz besonders gefährdet sind überdies die sog. “Spezialkurse”, also für Alphabetisierung , für Zweitschriftler und für Geringliteralisierte wie für Menschen mit Beeinträchtigungen. Nur mit Verlaub: Sollte sich Deutschland nicht gerade dadurch auszeichnen, das Menschenrecht auf Bildung auch für diese Menschen hochzuhalten, statt es nur für und in deren Herkunftsländer einzufordern? Hic Rhodos, hic salta!
Das Integrationskurssystem hat sich bewährt und ist erfolgreich
Dabei hat sich das aktuelle Integrationskurssystem doch ohne Zweifel bewährt mit Blick auf den Spracherwerb, wie in dem Offenen Brief aus der Wissenschaft in einem qualifizierten Quellenverzeichnis nachgewiesen wird. So belegen Studien u.a. des Forschungszentrums des BAMF (Evaluation der Integrationskurse, EvIK, z.B. Tissot et al. 2019) signifikante Zuwächse an Deutschkenntnissen durch die Teilnahme an Integrationskursen. Laut OECD sprechen über 80% der Menschen, die seit mindestens fünf Jahren in Deutschland sind, nach eigenen Angaben fließend Deutsch, womit Deutschland trotz hoher Einwanderungsquoten klar über dem EU-Durchschnitt (OECD 2025) liegt. Auch eine Studie von Marbach et al. (2025a,b) zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Besuch eines Integrationskurses und der Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Eine aktuelle Forschung von Brücker et al. (2025)belegt zudem, dass 61% der geflüchteten Frauen und 59% der Männer sieben bis acht Jahre nach ihrem Zuzug „systemrelevante“, also für die Aufrechterhaltung zentraler Infrastrukturaufgaben in Deutschland wichtige Berufe ausüben. Außerdem sind mit 33% der Frauen und 26% der Männer überdurchschnittlich viele Geflüchtete in sogenannten “Engpassberufen” tätig. Im Übrigen: Von den Unternehmen, die in den letzten Jahren Geflüchtete eingestellt haben, planen über 80% in den nächsten zwölf Monaten weitere Geflüchtete einzustellen.
Gemeinsame Sprache fördert Zusammenhalt und Teilhabe
Entsprechend wird die erfolgreiche Teilnahme an Integrationskursen von vielen Stakeholdern – insbesondere auch von potenziellen Arbeitgeber:innen – als grundlegender Baustein sowohl für die Arbeitsmarktintegration und die Überwindung von prekärer Beschäftigung wie auch für gesellschaftliche Partizipation und Kohäsion angesehen. (Appell der Wirtschaft für den Erhalt des Gesamtprogramms Sprache 2024). „Gerade die gesellschaftliche Partizipation hatte sich ja aber das ‚Gesamtprogramm Sprache‘, das von der CDU-geführten Bundesregierung im Jahr 2016 ins Leben gerufen wurde, mit Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zurecht auf die Fahnen geschrieben.“, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der neuen CDU/CSU geführten Regierung noch einmal ins Stammbuch schreiben. Die Proteste und Widerstände im Bundestag selbst, von der SPD bis zu den Grünen und den Linken, wie die breite Zustimmung von vielen Landtagen und von Landesregierungen auch mit CDU-Beteiligung, von Kirchen wie Wohlfahrtsverbänden, von den Gewerkschaften wie von den Arbeitgebern, von Teilen der konservativen Publizistik wie eben auch von der Wissenschaft dürfen aber nicht ins Leere laufen. Alexander Dobrindt darf mit seiner Strategie des Totstellens und Totschweigens nicht durchkommen. Hier ist ein langer Atem gefragt.
Kämpfen ist jetzt Pflicht
Wo Humanität und wirtschaftliche Erfordernisse so zusammenlaufen, wie es das „Gesamtprogramm Sprache“ visionär im Auge hatte und auch konkret in die Praxis umgesetzt hat, muss deshalb erst recht gelten: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Um diesen echten Erfolg in der Bundespolitik der letzten zwei Jahrzehnte muss wirklich weiter gekämpft werden. Gesellschaftlich, politisch, wissenschaftlich. Das ist jetzt Pflicht.