FRANKFURTER BUCHMESSE | EHRENGASTLAND TSCHECHIEN : Land an der Küste – Starke literarische Frauen-Stimmen

7. Oktober 2026 // Ulrike Günther

Tschechien präsentiert sich mit hochkarätigen Autor:innen, darunter renommierten und jungen Schriftstellerinnen. Gleich am ersten Tag wird Erzählen von Frauen mit Blick auf die Macht von Geschichte thematisiert. Bei der Eröffnungsfeier am Vortag kam es zum Eklat: Das Publikum protestierte offen gegen den rechtsextremen tschechischen Kulturminister Oto Klempíř (Motoristé), die Literatin Radka Denemarková wandte sich mit deutlichen Worten gegen restriktive Kulturpolitik.

Besucher:innen am Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse. - Bild: FBM
Besucher:innen am Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse. - Bild: FBM

zwd Berlin. Klempíř von den rechtsextremen Motoristé (Autofahrer-Partei) erntete bei der Eröffnungsfeier am Dienstagabend laut ARD Pfiffe und Zwischenrufe,, u.a. da man ihm vorwirft, die tschechische Filmförderung und die öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Sender staatlich kontrollieren zu wollen. Radka Denemarková, eine der international bekanntesten, modernen tschechischen Schriftstellerinnen, bekam Beifall, als sie die Staatsminister für ihre zerstörerische Kulturpolitik anprangerte und demgegenüber die Wirkungsmacht der Literatur beschwor: "Wir brauchen kühle Köpfe, klaren Verstand, kreatives Denken und mutige, unabhängige Verlage“.

Irrtum, Fantasie oder „Freiheit, Grenzen zu überwinden“?

Ein geographischer Irrtum oder märchenhaft-ironisches Spiel der Fantasie? In William Shakespeares The Winter´s Tale (dt. Das Wintermärchen, 1623) mit den Königen von Sizilien und Böhmen als Hauptfiguren, wo sich dramatische Verwirrungen rund um eine unbegründete Eifersucht im Laufe des Stücks zum Komischen hin entwickeln, bezeichnet die Regieanweisung zur 3. Szene im III. Akt Böhmen als „Land nahe am Meer“.. Das Ehrengastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse Tschechien, in der Realität ein mitteleuropäischer Binnenstaat, der Böhmen, Mähren und Teile Schlesiens umfasst, hat nach dem Shakespeare-Zitat sein Motto „Land an der Küste“ gewählt.

Es handle sich um „eine zeitlose Metapher“, die das Land „als integralen Bestandteil des Weltmeeres der Literatur“ identifiziere, heißt es in einem Kommentar vonseiten des Gastlandes - eine Vision, der die Literatur Tschechiens „durch Humor und Selbstironie, (…) das Aufbrechen von Stereotypen“ gerecht geworden sei. In dem Motiv drücke sich „die Hoffnung der Kunst aus, mit Freiheit Grenzen zu überwinden“, betonte Denemarková anlässlich der Eröffnung der Buchmesse, bei der sie gemeinsam mit der Lyrikerin Marie Iljašenko und der Violinistin und Sängerin Iva Bittová auftrat. Im europäischen Raum würden „verschiedene Schauplätze übereinander geblendet und Böhmen poetisch ans Meer verlegt“, so die Romanautorin.

Kontroverse Themen, Vielfalt und Dialog mit Autor/innen

Buchmessen-Direktor Juergen Boos erklärte, der Ehrengast lade das Publikum ein, „neue Horizonte zu entdecken“. Zwar besitze Tschechien nicht nach der Landkarte, doch in der Sphäre der Literatur „eine Küste, an der Sprachen, Geschichten und Ideen anlanden“. Das Programm stütze sich dramaturgisch auf drei Hauptpfeiler, „starke Stimmen und gesellschaftlich brisante Themen, Vielfalt und Bildende Kunst sowie d(en) Dialog zwischen Autor*innen und Fachleuten“, hob der Leiter des Tschechischen Literaturzentrums und des Gastlandauftritts CZECHIA 2026 Martin Krafl hervor.

Viele bringen tschechische Literatur vor allem mit berühmten Schriftstellern, wie dem regimekritischen Romancier Milan Kundera (Der Scherz, 1967), in Verbindung, Mit-Initiator der Bürgerrechts-Bewegung Charta 77, mit dem Humoristen und Kommunisten Jaroslav Hašek und seinem weltberühmten Anti-Kriegsroman vom „braven Soldaten Schwejk“ (1921 – 1923), mit dem Dramatiker und Schriftsteller Karel Čapek und seinen utopischen Werken (Der Krieg mit den Molchen, 1936) oder dem absurd-satirischen Theaterdichter, Dissidenten und späteren Staatspräsidenten Václav Havel (Vaněk-Trilogie, 1975 – 1979). Aber auch die Prager Literaturkreise um die Wende zum 20. Jahrhundert gehören dazu, die zahlreiche renommierte deutschsprachige Dichter hervorbrachten, wie Franz Kafka (Amerika. 1927), Max Brod (Die Erziehung zur Hetäre, 1909). Rainer Maria Rilke (Das Buch der Bilder, 1902) oder den Journalisten Egon Erwin Kisch (Aus Prager Gassen und Nächten, 1912)

Starke weibliche Stimmen in der tschechischen Literatur

Dennoch besitzt ebenfalls die Literatur weiblicher Autor:innen in Tschechien eine geschichtlich weitreichende Tradition, häufig verknüpft mit feministisch-emanzipatorischem Streben: Die englisch-böhmische, auf Latein schreibende Humanistin Elisabeth Johanna von Westen (Parthenicon, 1606) wird als erste tschechische Dichterin erwähnt. Die als bedeutendste einheimische, romantisch-realistische Schriftstellerin gefeierte Božena Němcová, die sich als Frau um ein für ihre Epoche ungewöhnlich eigenständiges Leben bemühte, erlangte mit ihrem populären, autobiographisch geprägten Roman Babička (dt. Großmütterchen, 1855) literarischen Ruhm. Kafka habe an ihrer Prosa die „Sprachmusik“, Leichtigkeit und hellsichtige Klugheit gelobt (Deutschlandfunk), ihre Korrespondenzen seien „unerschöpflich für Menschenerkenntnis“.

Die umfassend gebildete Schriftstellerin und Frauenaktivistin Karolína Světlá (Vesnický román, dt. Dorfroman, 1867) gilt als Begründerin auf Tschechisch verfasster Romane. Sie widmete sich in ihren Büchern vielfach sozialen Themen, beleuchtete die Beziehung zwischen den Geschlechtern und stellte meist moralisch starke Frauenfiguren in den Mittelpunk. Die von Světlá beeinflusste Literatin, Übersetzerin und Frauenrechtlerin Eliška Krásnohorská (Vlny v proudu, dt. Wellen im Strom, 1885) dichtete patriotische Lyrik, Dramen, Opernlibretti und gründete das erste Mädchengymnasium in Mitteleuropa.

Über die Hälfte Frauen reisen im Gastland-Team mit

Die tschechische Delegation stellt sich mit über 100 Veranstaltungen – Lesungen, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, Ausstellungen - über Gegenwartsliteratur und Büchermarkt auf zwei Bühnen des von einem Prager Architekturbüro entworfenen Ehrengast-Pavillons vor. Die grundlegenden Elemente der Gestaltung – abgerundete, aufblasbare Objekte, die wie erratische Felsen, unsystematisch angeordnet, an die Landschaften von Böhmerwald, Erz- und Riesengebirge erinnern – sollen nach Informationen der Gastgeber/innen, ergänzt durch „Bojen“ und einen „poetischen Leuchtturm“, in die durch Literatur vermittelte „Welt der Träume und Fantasien“ versetzen.

Das Gastland reist mit einem Team von 75 hochkarätigen Autor:innen und Illustrator:innen an, 39 davon sind Frauen (52 Prozent). Es bringt mehr als 150 ins Deutsche übersetzte Neuerscheinungen von Belletristik, Lyrik, Comics, Kinder- und Jugendbüchern sowie Sachliteratur mit. Über 40 Verlage und Agenturen präsentieren ihre Angebote auf ca. 350 m² im Umkreis des Gemeinschaftsstandes. Besucher:innen können tschechische weibliche Schriftsteller:innen in Lesungen und Fachgesprächen erleben und kennenlernen: Jährlich werden in der Tschechischen Republik nach eigenen Daten ca. 13.000 neue Bücher veröffentlicht, es gibt mehrere Dutzend Literaturzeitschriften, und das Land verfügt mit 6.000 öffentlichen und 5.000 Schulbüchereien über die weltweit dichteste Versorgung mit Bibliotheken.

Programmtipps Ehrengastland Tschechien

Perspektiven von Frauen, Geschlechter-Rollen und Geschichtsbild

Auf der sog. Harbour Stage reflektieren z.B. Radka Denemarková und die ebenfalls erfolgreiche, taiwanesische Literatin Yang Shuang-zi bei der Veranstaltung Telling Her Story: Women, Trains, and the Weight of History (dt. Ihre Geschichte erzählen: Frauen, Züge und die Last der Historie) am Mittwoch darüber, wer eigentlich die Geschichte schreibt und welche negativen Folgen diejenigen hinnehmen müssen, die sie unbeachtet lässt. Die preisgekrönten Autorinnen beziehen sich dabei auf ihre neuen Romane Schokoladenblut bzw. Das Taiwan-Tagebuch. Sie haben Protagonistinnen – die reale Figur einer Schriftstellerin bzw. ein durch Taiwan reisendes Paar -, holen vergangenes Geschehen in die Gegenwart herauf und blicken hinter die scheinbar glatte Oberfläche kolonialer bzw. patriarchaler Macht.

Am Donnerstag sprechen die Prosaschriftstellerin und Dokumentarfilmerin Dora Kaprálová und Fachleute über ihren 2026 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union und dem tschechischen Magnesia-Litera-Preis ausgezeichneten Roman Die Mariborhypnose. Darin schaut die Erzählerin aus der Perspektive einer Fliege auf die slowenische Stadt Maribor und das Liebespaar eines Hypnotiseurs und seiner Gehilfin, bewegt sich „leichtfüßig und assoziativ“ (Deutschlandradio) zwischen unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Ebenen, von diesem ins vorige Jahrhundert, beobachtet Gewalt, Verführung, Machtmissbrauch, schwebt zwischen Realität und Fantasie.

Erwartungen junger Autorinnen an Literatur und Feminismus

Die junge Dorota Ambrožová (Die Göre, 2026) und ihrer Kollegin Sára Zeithammerová (Die Unerhörte, 2026), die beide unkonventionelle Frauen zu Heldinnen ihrer Geschichten machen, befragen am Freitag ihre Erwartungen an die Literatur. Gemeinsam mit dem Autor Jonáš Zbořil sprechen sie über Bedingungen ihres Schaffens, Rollenbilder und neuen literarischen Feminismus. Kapralová und die Schriftsteller:innen Emma Kausc (Handlungsstörung, 2026) und Vratislav Maňák diskutieren am Samstag über Geschlechter-Stereotype und das Herausbilden persönlicher Identität.

Die Romanautorin Kateřina Tučková redet am Sonntag mit Redakteur:innen vom Fernsehen über ihr mit Preisen geehrtes Buch Vyhnání Gerty Schnirch (dt. Gerta. Das deutsche Mädchen, 2009), dessen Verfilmung Gerta und die Welt am Abgrund, das Schicksal der Hauptfigur und dessen Bedeutung in Geschichte und Gegenwart, mit dem Fokus auf der weiblichen Perspektive. Eine Brünner Sudeten-Deutsche wird als junge Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben, überlebt den leidvollen Marsch in Richtung Österreich, muss in Südmähren Zwangsarbeit leisten, erlangt wieder die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft und kehrt in die ihr entfremdete Heimatstadt zurück.

Digitale Sonderbeilage über Gleichstellung und Frauenliteratur

Der zwd wird in seiner demnächst erscheinenden, digitalen Sonderausgabe zum Ehrengastland die Situation von Frauen und Geschlechter-Gleichstellung mit Kommentaren von Repräsentantinnen wichtiger Frauenorganisationen beleuchten und die tschechische Frauenbewegung anhand von Porträts bedeutsamer Vertreterinnen seit den patriotischen Bestrebungen im 19. Jahrhundert über die Staatsgründung der Tschechoslowakei, den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft bis zum Sozialismus, zur sog. Samtenen Revolution und der Nach-Wende-Zeit nachzeichnen. Darüber hinaus wird ein Interview mit Radka Denemarková und Kateřina Tučková Frauenromane, weibliches Schreiben und feministische Tendenzen in der modernen tschechischen Literatur in den Blick nehmen, und neu übersetzte Bücher bekannter und junger Autorinnen, u.a. von Lenka Reinerová, Anna Bolavá, Tereza Boučková und Dorota Ambrožová, werden Leser:innen vorgestellt.

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