zwd Berlin. Die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion Dr. Anja Reinalter und die grüne Sprecherin für Bildungspolitik Denise Loop beurteilen die Resultate des am Mittwoch veröffentlichten Schulbarometers 2025/ 26 als "deutliches Alarmsignal". Angesichts der erstmals seit der Corona-Pandemie gestiegenen psychischen Belastung bundesdeutscher Schüler:innen und der verstärkt hervortretenden sozialen Unterschiede appellierten Reinalter und Loop an die Koalitionsregierung, eine "umfassende nationale Strategie für mentale Gesundheit junger Menschen" vorzulegen.
Grüne: Startchancen-Programm mit mehr Schulsozialarbeit ausbauen
Dazu gehört aus Sicht der Grünen-Politiker:innen, das Startchancen-Programm auszubauen und dafür mehr Arbeitsstellen in Schulpsychologie und Schulsozialarbeit zu schaffen, erfolgreiche Projekte, z.B. die Mental Health Coaches, zu verstetigen, für Eltern leicht zugängliche Beratungen und für Lehrkräfte Fortbildungen anzubieten. Überdies setzten sie sich dafür ein, junge Leute in Schule und Politik konsequent zu beteiligen. Laut der Studie gelten 15 Prozent der Schüler:innen als psychisch auffällig, noch einmal 10 Prozent liegen im Grenzbereich, so dass 25 Prozent Symptome seelischer Störungen aufweisen, 4 Prozent mehr als bei der Schüler:innen-Befragung 2024.
Über ein Viertel der Kinder und Jugendlichen (26 Prozent) schätzen ihre Lebensqualität als gering ein, unter Schüler:innen aus einkommensschwachen Familien sind es sogar mehr als ein Drittel (36 Prozent). Auch beim schulischen Wohlbefinden macht die Studie einen Zusammenhang mit dem sozialen Hintergrund der Kinder sichtbar: Während sich von allen Teilnehmer:innen 16 Prozent in der Schule kaum wohl fühlen, sind es von den sozial benachteiligten Schüler:innen 29 Prozent. Von Mai bis Juni 2026 befragte im Auftrag der Bosch-Stiftung das forsa-Sozialforschungsinstitut online 1.507 8- bis 17-Jährige an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sowie jeweils einen Elternteil über psychische Gesundheit, Unterrichtserleben, Partizipation und Mobbing.
Linke: Bund soll bei Bildung mehr Verantwortung übernehmen
Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion Nicole Gohlke prangerte zu große Schulklassen, Unterrichtsausfall und permanenten Personalmangel an. Eine Schule, "die Kinder erschöpft, statt sie zu stärken" bezeichnete Gohlke als "das Ergebnis politischer Entscheidungen, nicht individueller Schwächen". Demgemäß plädierte die Fraktions-Vize, gleichzeitig bildungspolitische Sprecherin der Linken, für kleinere Klassenstärken, eine Lehrkräfteoffensive sowie flächendeckende Schulsozialarbeit. Gohlke erneuerte ihre Forderung, das zwischen Bund und Ländern geltende Kooperationsverbot aufzuheben, damit Bildung "zur echten Gemeinschaftsaufgaben" werde. Der Bund müsse beim Gestalten und Finanzieren in dem Bereich "Verantwortung übernehmen".
Ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen berichtet nach Studien-Daten über hohen Leistungsdruck und zeigt Prüfungsängste: Knapp zwei Drittel (61 Prozent) gaben an, dass man in der Schule (eher) viel von ihnen verlangt, fast die Hälfte stimmte zu, dass sie auch an Samstagen und Sonntagen lernen müssen, um den Anforderungen gerecht zu werden. 35 Prozent der in die Untersuchung einbezogenen Eltern beobachten an ihrem Kind vor Prüfungen und Klassenarbeiten (manchmal bis immer) Aufregung und Unruhe, auf 25 Prozent wirkt es in diesen Situationen mutlos oder niedergeschlagen, nach Aussagen von 22 Prozent erzählt es, vor Leistungskontrollen Angst zu haben.
DPhV: Guter Unterricht braucht strukturell mehr Ressourcen
Der Deutsche Philologenverband (DPhV) wertet das Umfrageergebnis von einem Viertel psychisch auffälliger 8- bis 17-Jähriger zusammen mit dem durch das Schulbarometer 2025 gemessenen Drittel erschöpfter Lehrkräfte als Anzeichen für ein "schwerwiegendes aktuelles Problem". Der DPhV hebt zwar die in der Untersuchung festgestellte Beziehung von konstruktiver Unterstützung durch Lehrer:innen und schulischem Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen hervor. Demnach werde dieses mit 40 Prozent am stärksten durch förderndes, wertschätzendes Verhalten von Lehrkräften positiv beeinflusst. Guter Unterricht bedürfe jedoch derzeit „strukturell mehr Ressourcen“. Es offenbare sich eine „erhebliche Versorgungslücke“ bei Schulpsychologie und Schulsozialarbeit. Der DPhV verlangt daher psychologisch ausgebildetes Fachpersonal für alle Schulen.
„Psychisch belastete Schülerinnen und Schüler brauchen professionelle Unterstützung und Lehrkräfte brauchen verlässliche Partner aus der Schulsozialarbeit“, erklärte die DPhV-Bundesvorsitzende Prof.in Susanne Lin-Klitzing. Um die Qualität des Unterrichts abzusichern, trat sie darüber hinaus wie schon bei früheren Gelegenheiten dafür ein, das Stundendeputat, besonders für ältere Lehrer:innen, abzusenken. Lin-Klitzing rief die Politik auf, Schule nicht weiter als „Reparaturbetrieb für gesellschaftliche und politische Defizite“ zu behandeln und sie stattdessen angemessen personell und finanziell auszustatten. Wie aus dem von der Bosch-Stiftung gemeinsam mit der Universität Leipzig herausgegebenen Monitor Bildung und Psychische Gesundheit (BiPsy-Monitor) vom Dezember 2024 hervorgeht, verfügt rund ein Viertel der Schulen über keine Personalstellen im Feld Psychologie oder Sozialarbeit. Schulleitungen von Einrichtungen mit vorhandenen Angeboten schätzten den ungedeckten Bedarf im Mittel auf 68 Prozent bis 77 Prozent.
GEW wendet sich gegen Streichungen bei sozialer Infrastruktur
Die GEW nahm die Umfrage zum Anlass, eine bessere soziale Infrastruktur anzumahnen. GEW-Vorstandsmitglied Schule Anja Bensinger-Stolze erkennt in den Studienergebnissen einen „riesigen Handlungsbedarf“. Mentale Gesundheit von Kindern dürfe nicht von finanziellen Ressourcen ihrer Eltern abhängig sein, betonte sie. Bensinger-Stolze sieht es als dringlich an, (schul-)psychologische und therapeutische Versorgung sowie die Angebote an Schulsozialarbeit auszudehnen und zu verbessern. Gerade mit Blick auf die gesellschaftliche Lage in einem Umfeld von Krisen und Kriegen, bei einer sich erhöhenden sozialen Ungleichheit wandte sich das GEW-Vorstandsmitglied entschieden gegen Mittelkürzungen bei sozialer Infrastruktur, wie des von den Grünen gelobten, im diesjährigen Bundeshaushalt gestrichenen Programms der Mental Health Coaches. Bensinger-Stolze schlug vor, Wohlbefinden von Schüler:innen und Lehrkräften zu einem Indikator für Schulqualität zu erheben.
Im Einzelnen empfahl sie wie der DPhV, für Schulen hinreichend Personal und Finanzen zu gewährleisten und multiprofessionelle Teams zu erweitern. Man müsse eine „gute Schule mit guten Arbeits- und Lernbedingungen ins Zentrum“ rücken, unterstrich Bensinger-Stolze, Schulen sollten „Raum für einen sicheren, gesunden und wertschätzenden Umgang der Lernenden“ bieten. Weiterhin sei die Mitbestimmung der Schüler:innen zu stärken. Einen Fokus bei der Umfrage bildeten neben subjektiven Sichtweisen auf den Unterricht und Mitbeteiligung auch negative Erfahrungen mit Mitschüler:innen und Mobbing. Fast ein Drittel (30 Prozent) der 11- bis 17-Jährigen erlebt demnach mindestens einmal im Monat, dass Klassenkameraden sie beschimpfen, verspotten, absichtlich ausschließen, bedrohen oder gemeine Gerüchte über sie verbreiten.
VBE: Sozial bedürftige Familien sollten stärker entlastet werden
Der VBE-Bundesvorsitzende Tomi Neckov richtete sein Augenmerk vor allem auf die bei sozial benachteiligten Schüler:innen gestiegenen Belastungen. Einkommensarmut stelle „ein zentrales Hindernis von Bildungsgerechtigkeit“ dar. Dementsprechend riet Neckov, Familien mit niedrigen Einkünften weiter finanziell zu entlasten und Schulen besser auszurüsten, damit sie „armutsbetroffene Kinder (…) fördern“ könnten. Der Politik warf der VBE-Vorsitzende im Kontext der Frage von Möglichkeiten zur Partizipation vor, dafür verantwortlich zu sein, wenn es Lehrer:innen, die durch volle Lehrpläne und einen hohen Anspruch der Gesellschaft an Schule unter Leistungsdruck stehen, an Zeit mangele, um für das Miteinander zu sorgen. Fachkräfte könnten „nicht ausgleichen, was an Ressourcen fehlt“. Außerdem sprach sich Neckov dafür aus, die pädagogischen Konzepte der konstruktiven Unterstützung, des kognitiven Aktivierens, von Klassenklima und von Klassenführung, deren vorteilhafte Effekte belegt seien, in allen Phasen der Lehrkräfteausbildung zu verankern.
Bosch-Stiftung: Schulen als demokratische Orte weiterentwickeln
Die Bildungsfachfrau der Bosch-Stiftung Dr. Anna Gronostaj hob den Zusammenhang von Möglichkeiten der Kinder mitzubestimmen und ihrem schulischen Wohlbefinden hervor. Schüler:innen, die darüber berichteten, sich in der Schule und im Unterricht mehr mitzubeteiligen, würden sich dort nicht nur wohler fühlen, sondern insgesamt auch mit ihrem Leben zufriedener sein. Kinder wie Lehrer:innnen (im Schulbarometer 2025) bewerten die Partizipation überwiegend als begrenzt, Lehrkräfte erachten die Mitbeteiligung dennoch für ausreichend. Gronostaj leitet daraus als Handlungsansatz ab, Schulen müssten „ihr Selbstverständnis als demokratische Orte (weiter-) entwickeln“. Damit sich Schüler:innen und Lehrkräfte gleichermaßen wohlfühlen, sei neben einer hohen Unterrichtsqualität auch ganz eindeutig „eine demokratische Schulkultur“ erforderlich, in der „Kinder und Jugendliche selbstverständlich mitbestimmen und mitgestalten“ können.
Der Umfrage zufolge beklagte weit über die Hälfte der Schüler:innen (58 Prozent), in der Schule nicht oder wenig mitgestalten zu können, 74 Prozent, dass es ihnen nicht oder kaum möglich sei, Inhalte für den Unterricht mit auszuwählen, 90 Prozent, dass sie bei Prüfungen nicht oder wenig die Art der Bewertung und Kriterien für die Notenvergabe mit festlegen dürften. Demgegenüber wünschten sich bis zu drei Viertel (64 – 74 Prozent) der befragten Minderjährigen mehr Mitbeteiligung in sämtlichen Schulbereichen, wie über Klassenregeln. schulische Aktivitäten oder Themen im Unterricht mitzuentscheiden. Obwohl 91 Prozent der Kinder und Jugendlichen bestätigten, dass es an ihrer Schule für sie ein Vertretungsgremium gibt, halten dieses mehr als zwei Fünftel (43 Prozent) für nicht oder wenig wirksam.