zwd Berlin. Laut dem am Donnerstag anlässlich des Internationalen Tages der Kinderrechte veröffentlichten UNICEF-Bericht leben 412 Millionen Kinder (19,2 Prozent) weltweit in äußerster monetärer Armut. Sie haben täglich weniger als 3 Dollar zur Verfügung, die überwiegende Mehrheit von ihnen (88 Prozent) wächst in Afrika südlich der Sahara (76 Prozent) und in Südasien (12 Prozent) auf. 417 Millionen Minderjährige in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen (22 Prozent) erleiden drastische Entbehrungen in zwei oder mehr Grundbereichen. In wirtschaftsstarken Ländern stagniert der Anteil relativer Kinderarmut seit Jahren, in der EU z.B. bei etwas über 19 Prozent.
UNICEF: Länder sollen Beseitigen von Kinderarmut zur Priorität machen
Die geschäftsführende Direktorin von UNICEF Catherine Russell sieht den „Fortschritt beim Verringern von Kinderarmut“ bedroht. Im Aufeinandertreffen dreier ausgeprägter Krisen – gewalttätige Konflikte, Klimawandel und beispiellose Streichungen bei Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit – erkennt Russell die Gefahr, „Jahrzehnte der Verbesserungen rückgängig zu machen“, schreibt sie im Vorwort des Reports. „Kinderarmut ist nicht unvermeidbar“, betont die UNICEF-Geschäftsführerin. „Wenn Länder das Beseitigen von Kinderarmut zu einer staatlichen Priorität machen“ und Ressourcen wie Maßnahmen dafür einsetzen, „können Kindheiten verändert werden“. Bereits erzielte Errungenschaften seien fragil, mahnt Russell. „Wir dürfen nicht gestatten, dass die Dynamik gegen Kinderarmut nachlässt.“
SPD fordert Engagement für starke Kinderrechte
Schon am Mittwoch appellierten die familienpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Jasmina Hostert und der Kinderbeauftragte der Sozialdemokrat/innen Truels Reichardt an die Verantwortlichen, für starke Kinderrechte einzutreten. Gerade in Zeiten „globaler Krisen, Kriege und Klimakatastrophen“ seien Kinder besonders in Gefahr, Millionen von ihnen „auf Schutz und Unterstützung angewiesen“, hob Hostert hervor. Die „mentale Belastung“ bei Kindern wie Jugendlichen nannte sie „alarmierend“. Deshalb gehöre, „das Wohl der Kinder ins Zentrum politischen Handelns“, bundesweit und global. Reichardt plädierte dafür, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Das nehme Gesetzgeber:innen, Judikative und Verwaltung, „stärker in die Verantwortung, allen Kindern beste Bedingungen zum Aufwachsen zu ermöglichen“, bei Bildungschancen, finanzieller Absicherung und Freiräumen. Starke Kinderrechte seien nicht verhandelbar, unterstrich Reichardt.
Fortschritte seit Pandemie verlangsamt, Konflikte erhöhen Armutsrate
Setzt man eine höhere Armutsschwelle von 8,50 Dollar pro Tag an, lebten 2024 nach Angaben der World Bank insgesamt 1,4 Mrd. Kinder (65,9 Prozent) in materiell dürftigen Verhältnissen. Auch in den Regionen Ostasien/ Pazifik und Lateinamerika/ Karibik, die vorrangig zur Kategorie der mittleren Einkommen gehören, erduldeten ca. zwei Fünftel der Kinder (37 Prozent bzw. 41,4 Prozent) Armutsbedingungen. Dem UNICEF-Bericht zufolge verzeichnete die äußerste Kinderarmut im globalen Durchschnitt im Jahrzehnt von 2014 bis 2024 einen Rückgang von 24,3 Prozent (507 Millionen Kinder) um 5,1 Prozent, wobei sich Fortschritte nach dem Anstieg durch die Corona-Pandemie verlangsamten.
Die Verläufe in den einzelnen Staaten unterscheiden sich jedoch deutlich: In den 31, gemäß Einschätzung der World Bank instabilen, von Konflikten betroffenen Staaten erhöhte sich die äußerste Armutsrate in diesem Zeitraum von 46 auf 50,2 Prozent, während sie in den anderen, friedlichen bzw. stabilen Ländern auf 11,4 Prozent sank. In 37 untersuchten Staaten mit hohem mittlerem Einkommen nahm die relative Armut von Kindern, die bei unter 60 Prozent der Median-Haushaltseinkünfte festgelegt ist, zwischen 2013 und 2023 zwar um 2,5 Prozent (auf rund 50 Millionen) ab, doch ist dieser Trend seit Längerem ins Stocken geraten, bei beträchtlich variierenden Entwicklungen. Länder wie Kanada, Estland, Lettland oder Portugal konnten die Rate monetärer Kinderarmut um ca. ein Viertel reduzieren, in anderen, wie Frankreich, Schweiz oder Vereinigtem Königreich, stieg sie um über 20 Prozent.
Mehrheit der Kinder in einkommensschwachen Staaten depriviert
Nach einem von UNICEF mit Partner/innen der Weltweiten Koalition zur Beseitigung von Kinderarmut für 133 Länder erstellten Modell lässt sich multidimensionale Armut auf der Grundlage von gravierenden Entbehrungen in den Kategorien Bildung, Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Hygiene, Wasser beschreiben. Demnach erfahren die meisten Kinder in Ländern mit geringem Einkommen Deprivation im Bereich von Sanitäranlagen (65,4 Prozent), Wasserzugang (37,3 Prozent) und Schulbesuch (29,5 Prozent). In Staaten mit niedrigem mittlerem Einkommen variieren die Quoten in den Alltagsfeldern zwischen 26 Prozent und 10,6 Prozent, in Ländern mit höheren mittleren Einkünften zwischen 11 Prozent und 5,1 Prozent.
80 Prozent der Kinder in Staaten mit niedrigem Einkommen erleben in einem der genannten Bereiche Entbehrungen, die Hälfte in zwei Bereichen, knapp ein Fünftel (18 Prozent) sogar in drei Feldern. In Ländern mit unterem mittlerem Einkommen betragen die Anteile der minderjährigen Bevölkerung mit entsprechenden Deprivationen (in ein bzw. zwei Alltagsbereichen) demgegenüber jeweils 48 Prozent bzw. 18 Prozent, in Staaten mit oberen mittleren Einkünften liegen sie bei deutlich geringeren Werten (26 Prozent bzw. 6 Prozent). Am meisten sind nach UNICEF-Angaben Kinder im Afrika südlich der Sahara und in Südasien von mehrdimensionalen Entbehrungen betroffen.
Berücksichtigen von Kinderbedürfnissen in Haushaltsplänen erfolgreich
UNICEF schlägt als wirksame, erprobte Herangehensweisen u.a. vor, dem Verringern von Kinderarmut in Gesetze und Budgets einzubeziehen und Bedürfnisse von Kindern bei Haushaltsplänen zu berücksichtigen. Dadurch würde die Armutsbeseitigung bei Kindern "von einem erstrebenswerten Ziel zu einer verbindlichen Pflicht", welche die Rechte von Kindern anerkennt, heißt es in dem Report. Einzelne Staaten lieferten im weltweiten Vergleich Beispiele dafür, dass es nützlich sei, dem Bekämpfen von Kinderarmut mit ihren vielseitigen Ursachen Vorrang einzuräumen, unterstützende wirtschaftliche Maßnahmen aufzulegen und soziale Absicherung zu erweitern.
Bangladesch reduzierte nach Aussagen von UNICEF von 2000 bis 2023 seine Rate mehrdimensionaler Kinderarmut um 32 Prozentpunkte, indem es mit einer umfassenden, Sozialschutz, Investitionen in die Basisbereiche und Wirtschaftsförderung verbindenden Strategie ansetzte. Tansania gelang es im selben Zeitraum, die Rate schwerwiegender Entbehrungen durch ein Programm staatlicher Geldüberweisungen, finanzieller Unterstützung für Ernährung, Wasser- und Sanitätsversorgung sowie gebührenfreie Grund- und Sekundarschulbildung um 46 Prozent zu senken.
Corona, Schulden, Klimakrise, Konflikte verzögern günstige Entwicklung
Seit dem Jahr 2000 wurden Fortschritte beim Absenken der Raten erheblicher Deprivation in einem der Alltagsfelder gemessen. In Ländern der unteren und mittleren Einkommensgruppe nahmen sie um ein Drittel ab, zwischen 2013 und 2023 von 51 Prozent auf 41 Prozent. Aber die Corona-Pandemie, wachsende Verschuldung, Folgen der Klimakrise und sich verschärfende Konflikte verzögern die Entwicklung. In Staaten mit hohem Einkommen, wie den Mitgliedern der EU, sind Entbehrungen als Mangel an mindestens 7 von 13 Gütern, Leistungen oder Aktivitäten bestimmt, wie unerwartete Ausgaben zu bewältigen, die Wohnung zu beheizen oder abgetragene Kleidung zu ersetzen. In den Jahren von 2015 (11,8 Prozent) bis 2024 wurden bloß bis 2019 (7,5 Prozent) nennenswerte Erfolge erreicht, die sich nach der Zunahme während Corona noch nicht völlig wieder hergestellt haben (2024: 7,9 Prozent).