Diesen Leitgedanken hat Johannes Rau als Bundespräsident im Mai 2000 einer großen Rede zu Migration, Einwanderung, Zusammenhalt und Demokratie vorangestellt. Und er hat – ganz Sozialdemokrat – seine Ausführung in dem Appell zusammengefasst „Es kommt nicht auf die Herkunft des einzelnen an, sondern darauf, dass wir gemeinsam die Zukunft gewinnen.“ Am wichtigsten für ihn waren dabei „Kindergärten, Schule und Hochschulen“.
Johannes Rau schon vor 25 Jahren: Integrationsförderung ist kein Beiwerk
Einige konkrete Gedanken und Forderungen, die Johannes Rau schon vor 25 Jahren in unser Stammbuch geschrieben hat, so vorausschauend wie uns beschämend und immer noch orientierend sie sind, sollen hier zitiert werden:
„Wir brauchenvom Kindergarten und von der Grundschule an eine Pädagogik, die Integrationsförderung nicht als Beiwerk missversteht. Hat diese Aufgabe bei der Lehrerausbildung schon genügend Niederschlag gefunden? Sind Lehrerinnen und Lehrer schon genügend darauf vorbereitet, in Klassen mit der Hälfte oder mehr nichtdeutscher Kinder zu unterrichten? Vor allem Lehrerinnen sehen sich oft mit nicht akzeptablen Verhaltensweisen konfrontiert, die aus ganz anderen Vorstellungen von Autorität und Geschlechterrollen stammen. Was tun wir dagegen?
Wir brauchen Bildungskonzepte, die stärker zur Kenntnis nehmen, dass der Schüler aus einer deutschen Familie mit abendländisch-christlichem Hintergrund nicht mehr überall der Normalfall ist. Das gehört viel stärker in die pädagogische und didaktische Ausbildung und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer.
Wir haben gute Modellprojekte, in denen Mütter und Kinder gemeinsam Deutsch lernen, weil die Mütter in den meisten Fällen den Hauptteil der Erziehung leisten.
Wer auf Dauer in Deutschland lebt, muss deutsch sprechen können. Darum ist „Deutsch für Ausländer“ ein zentrales Bildungsprojekt für die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir brauchen dafür mehr Lehrerinnen und Lehrer.
Es ist kein Zeichen von Ausländerfeindlichkeit, wenn Lehrer und Schulleiter darauf achten, dass in der Schule deutsch gesprochen wird. Ganz im Gegenteil: Wo das nicht geschieht, scheitert die Integration von Anfang an – zum Schaden aller Kinder.“
Und abschließend
„ Was wir unbedingt verhindern müssen, ist die Entstehung eines neuen Bildungsproletariats, einer Schicht, die aus Mangel an Bildung den sozialen Anschluss verliert. Das führt zu ethnischer Ghettobildung mit allen schädlichen, ja gefährlichen Folgen.“
Jetzt gefragt: Kärrnerarbeit für einen Gesamtplan „Integration durch Bildung“
Was bei Johannes Rau nicht dabei war, ist das Fabulieren über einen Migrationsdeckel in den Klassen, wie er jetzt von der Bundesbildungs- und Familienministerin raunend ins Gespräch gebracht worden ist. Dieser geht schon jetzt an der Wirklichkeit in einer wachsenden Zahl von Städten und Gemeinden und erst recht an der demographischen Entwicklung hin zu 50 % der 0- bis 15-jährigen mit nicht deutscher Herkunft in Zukunft vollkommen vorbei. Da stünde es der Bildungsministerin gut an, nicht wohlfeil in die Medienarbeit, sondern energisch in die Kärrnerarbeit für Chancengleichheit und Integration durch Bildung zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern und dem Sachverstand in den Kommunen, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft einzutreten.
Es kann und muss zu einer großen Gemeinschaftsleistung in unserer Republik werden, einen Gesamtplan „Integration durch Bildung – Chancengleichheit für alle Kinder “ für die nächsten 10 Jahre zu entwickeln. Ein solcher Gesamtplan darf dann auch nicht nur abheben auf die Fragen von Migration und Einwanderung, sondern muss die großen Problemlagen von wachsender Bildungsarmut, Bildungsferne und Bildungsspaltung insgesamt in den Blick nnehmen.
Bei allen Plänen: Konkretes voranbringen, Grundsätzliches klären
Vieles Konkrete kann jetzt schon angegangen werden, wenn es denn nur überall gewollt würde: Sprachstanderhebungen vor der Grundschule und dann ggfs. pflichtige Sprachförderung, besondere Programme für Brennpunkt-Kitas und -Schulen, mehr Fachkräfte für Integration und Deutsch als Mutter-, Zweit- und Fremdsprache, Ausbildungsvorbereitung und Schulpflicht bis 21 Lebensjahr.
Und ein paar Grundfragen müssen endlich ernsthaft diskutiert und vorangebracht werden: KiTa-Pflicht ab 3 für alle Kinder, bundesweite Lernmittelfreiheit für alle Kinder, gebundene Ganztagsschule für alle Kinder als Regelschule.
Auf die gleichen Chancen für wirklich alle Kinder und Jugendlichen kommt es an, um Teilhabe, Zugehörigkeit und Mitwirkung an unserem Gemeinwesen erfahren und leben zu können. Frank-Walter Steinmeier hat das in seiner Denkschrift zu 75 Jahre Grundgesetz mit seinem Rekurs auf Ethnie, Religion und Kultur zum Ausdruck gebracht: „Zugehörigkeit speist sich heute aus anderen Quellen, allen voran aus der Zustimmung zu den Regeln, die wir uns in demokratischen Verfahren geben und die allen die gleichen Bedingungen zur freien Entfaltung garantieren.“ Um diese gleichen Bedingungen in der Bildung und durch die Bildung müssen wir immer wieder neu und jetzt erst recht kämpfen.
Dr. Ernst Dieter Rossmann ist ständiger Kolumnist des zwd-POLITIKMAGAZINs. Er ist Ehrenvorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbandes und war langjähriger bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und von 2018-2021 Vorsitzender des Bundestagsbildungsausschusses.